Kommentar

Die Verunsicherung war groß, doch dann kam die Erfolgsmeldung: Der vermeintliche Täter einer Vergewaltigung und des Mordes an der Dreisam war gefasst worden. Mit den gängigen Mitteln der heutigen Befugnisse und den üblichen Standards aktueller Kriminalistik wurde der Verdächtige identifiziert. Und doch forderte ausgerechnet an jenem Tag der Verkündung dieser Fahndungsergebnisse der baden-württembergische Justizminister, man müsse gefundene DNA-Spuren künftig auf die unterschiedlichsten Merkmale untersuchen dürfen. Da wurde ein 17-jähriger Flüchtling mit einer auffallenden Blondierung in den Haaren dingfest gemacht – und im selben Atemzug wird bekannt, dass Guido Wolf sich wünscht, DNS auch auf die Haarfarbe, das Geschlecht, die Hautfarbe und das Alter zu prüfen? Wer an Zufälle glauben mag, wird auch hier keinen Zusammenhang sehen, wenn ein Politiker in den puren Populismus verfällt, den man auch ohne Phantasie als deutlich mehr ansehen kann als einen konservativen Standpunkt.

Täter nach Hautfarbe zu klassifizieren? Nach Ethnie und Herkunft? Nach dem Alter? Nein, man will dem Justizminister nicht vorwerfen, dass er mit seinen Einlassungen bewusst Gedanken an eine rassistische und bestimmte gruppenspezifische Unterscheidung von verdächtigen Menschen hegte. Doch ist es geschickt, eine solche Meinung gerade dann zu offenbaren, wenn Flüchtlingshelfer in diesem Land ihre Luft anhalten müssen, weil ein etwaiger Straftäter gefasst wurde, der als unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber im Zuge der von vielen mittlerweile so scharf kritisierten „Welle“ von Flüchtlingen im Jahr 2015 zu uns kam – und nach Köln und anderen Ereignissen jedes Vorurteil zu schüren scheint, das in den Köpfen mancher Deutscher umher schießt? Die Zahl der Asylsuchenden, die derart gravierende Straftaten begangen haben, dürfte verschwindend gering sein. Wie viele Vergewaltigungen und Tötungsdelikte haben in der Zwischenzeit hiesige Staatsbürger denn verübt?

Guido Wolf hat – egal, ob nun gewollt oder auch nicht – mit seinen Worten am Tag, als Freiburger Kriminalbeamte und die Staatsanwaltschaft die Festnahme des Verdächtigen verlautbarten und darüber hinaus die Herkunft und die genauen Hintergründe der Ermittlungen medienwirksam in die Kameras gaben, einem schmuddeligen Gedankengut in Deutschland einen Bärendienst erwiesen. Fraglich, ob es überhaupt nötig gewesen ist, auf der Pressekonferenz diese Art der Details über den möglichen Täter zu offenbaren und damit scheinbar nur unzureichend zwischen der Notwendigkeit und den Auswirkungen eines solchen Vorgehens abgewogen hatte. Doch dass in einem denkbaren Reaktionismus darauf der Vorschlag einer differenzierten Untersuchung von DNA-Material an deutschen Tatorten nur die Polemik derjenigen bedienen würde, die auf solche Meldungen aus dem Breisgau doch nur gewartet hatten, daran dachte Wolf nicht – oder vielleicht doch?

Schon im November hatte die eher als national orientierte Zeitung „Junge Freiheit“ dieselben Anregungen ausgestoßen, man möglich doch endlich die bisher im Strafprozess untersagten Aufschlüsselungen der menschlichen DNS, die bei Straftaten entdeckt werden, endlich zulassen. Im Jahr vor der Bundestagswahl scheint die Kanzlerin ungewollte Unterstützung aus Baden-Württemberg zu erhalten: Offenbar im Glauben daran, die AfD könne man nur mit ihren eigenen Mitteln schlagen, sind es die Minister im „Ländle“, die sich jetzt als Hardliner profilieren: Innenminister Strobl macht sich zum Experten für neue Regeln im Abschiebeverfahren, bringt dabei aber schnell einige Zahlen über ausreisepflichtige Flüchtlinge durcheinander – auch hier möchte man sich fragen, ob er zwischen 500.000 und 50.000 nur aus alleinigem Versehen eine Null übersah, oder es doch seinem Kabinettskollegen Guido Wolf gleichtat und einen Wortlaut in die Welt setzte, deren taktischen Hintergrund hoffentlich auch niemand in der Öffentlichkeit bemerken würde.

Während die CDU einen stringenten Kurs nach rechts fährt, wird nun der Platz in der Mitte größer. Der Lagerwahlkampf scheint sich vollends auszudehnen, da scheint doch in der Mitte viel Platz zu entstehen für diejenigen, die sich von Populismus nicht beeindrucken lassen möchten. Chancen für die SPD wachsen, diese Position wieder einzunehmen. Doch ob allein die Beteuerungen des möglichen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten und Parteichefs, man wolle die SPD wieder zu ihren Ursprüngen führen, dabei helfen werden, die zahlreichen Fehler aus der Vergangenheit wettzumachen, muss ebenso bezweifelt werden wie die Bereitschaft innerhalb von „Bündnis 90/Die Grünen“, sich zu einer bürgerlichen Instanz zu entwickeln – auch außerhalb vom Südwesten. Es braucht mehr denn je die Kräfte, denen die Grundwerte unseres Landes noch etwas bedeuten, die nicht täglich neu an den Prinzipien unserer Verfassung zum Schutz von Demokratie, Daten und DNA deuteln, und die gleichzeitig eine Sozialpolitik betreiben, die nicht spaltet, sondern sich zu Menschlichkeit bekennt. Denn sie ist kein Zufall!

[Dennis Riehle]

Brief an die Redaktion von „Wort zum Sonntag“

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit Jahrzehnten gehört es zu den Garanten im deutschen Fernsehen: Weiterhin sind jeden Samstag hunderttausende Zuseher vor den Geräten, mittlerweile auch an den digitalen Empfängern, um das „Wort zum Sonntag“ als einen Impuls für den bevorstehenden Feiertag mit in die Nacht zu nehmen.

Auch ich gehöre zu diesen Interessierten, die sich regelmäßig einen christlichen Blick auf unser Zeitgeschehen wünschen. In einem ansprechenden Format, kurz und prägnant, modern und doch seriös – das sind die wesentlichen Eckpunkte einer mehrminütigen Sendung, die zeigen soll, welche Kultur und welche religiösen Traditionen unser Land auch im 21. Jahrhundert fortdauernd prägen.

Die Gedanken, die uns die evangelischen und katholischen Sprecher mit auf den Weg geben, sollen persönlich, aber auch für die Zuschauer in ihr jeweiliges Leben übertragbar sein. Sie sollen wirklichkeitsnah, aber eben nicht dem Zeitgeist hinterherrennend sein. Und sie sollen fundamental im besten Sinne, nämlich den Wurzeln lebendigen Christentums nah, sein.

Das geschieht am sinnvollsten durch die Bibel. Als Heilige Schrift ist sie das wesentliche Instrument, um Menschen zu erklären, was unsere Religion ihnen sagen möchte. Sie ist Grundlage für eine Existenz nach all unseren Werten, den Überzeugungen und den klaren Botschaften christlicher Verkündigung, die die Sendung sein soll: Keine Kurzpredigt im dogmatischen oder belehrenden Verständnis, sondern ein ganz vitaler Anstoß, der freudig, aber eben nachdenklich machen soll, sich mit dem eigenen Glauben wieder neu kritisch und ermahnend gleichsam auseinanderzusetzen.

Doch wo ist dieses Werk geblieben? Wie oft fragte ich mich in der letzten Zeit, wodurch sich das „Wort zum Sonntag“ noch von dem Kommentar unterscheidet, den ich kurz davor in den „Tagesthemen“ sah. Denn von der Bibel war keine Rede. Viel eher ein recht weicher Meinungsbeitrag zu aktuellen Themen, dem es an jedwedem christlichen Inhalt fehlte.

Nein, Sozialkritik ist in einem Sendungsformat, das sich explizit mit dem religiösen Verständnis unserer Gegenwart befassen möchte, nicht möglich, solange es an einem Bezug zu einer biblischen Stelle fehlt. Friedensappelle werden in einem solchen Rahmen wertlos, wenn nicht Gottes Vergebung ihre Erwähnung findet. Und finanzpolitische Einordnungen bleiben dann unglaubwürdig, wenn sie im „Wort zum Sonntag“ ohne ein Gleichnis aus dem „Buch der Bücher“ auszukommen vermögen.

Standpunkte, Gutdünken oder Besserwisserei – für sie brauchen wir keine drei Minuten des Samstags. Sie können wir täglich in den sozialen Netzwerken, aber auch im Alltag erleben. Das „Wort zum Sonntag“ ist viel zu wertvoll, um zu einem Sendeplatz zu verrohen, an dem substanzlose Einordnung dessen geschieht, was ohnehin schon jeder von uns weiß. Die Themen der Bibel, sie sind genauso präsent wie unser Heute – nutzen wir doch dieses Alleinstellungsmerkmal, das „Tagesschau“, Wissensmagazine und Talksendungen eben nicht zu bieten haben: Die Betrachtung aus diesem Blickwinkel des Religiösen, des Christlichen, der eben doch einzigartig ist, wenn man die Chance nicht vergibt, ihn mit geistlicher Nahrung jeden Samstag neu zu füttern und in Erinnerung zu rufen, wozu wir uns bekennen und worauf wir uns beziehen dürfen.

Mit dieser Ermutigung und den besten Segenswünsche
grüße ich Sie herzlich

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.
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Kommentar

„Alle Christen glauben an Allah“, so titeln derzeit viele Plakate in der Region Tübingen. Gemeinsam mit dem Islam-Verband DITIB hat der „Bund der deutschen katholischen Jugend“ (BDKJ) eine Aktion gestartet, die für große Empörung sorgte. Eigentlich hatte man sich für den interreligiösen Dialog einsetzen wollen, doch jetzt protestieren sogar Politiker der SPD gegen das Projekt. Immerhin gibt es mehrere anstößige Punkte, die nicht nur den Gläubigen aufgefallen sind: DITIB steht als „verlängerter Arm“ der türkischen Regierung in der Kritik, direkte Einflussnahmen durch Präsident Erdogan auf den Dachverband werden befürchtet. Hat sich die katholische Jugend „missbrauchen“ lassen, wie es manche Kritiker nun vorbringen?

In der bisherigen Diskussion ist der theologische Aspekt der Plakataussage noch weitgehend unbeachtet geblieben. Die katholische Jugend argumentiert, dass „Allah“ doch schließlich auch „Gott“ bedeuten würde, insofern seien Christen und Muslime verbunden. Ob sie eine höhere Macht haben, an die sie gemeinsam glauben dürfen, das wird sicher stets ein Geheimnis bleiben. Doch nicht die Übersetzung interessiert bei der letztendlichen Frage des Glaubens. Allein der Umstand, dass wir unterschiedliche Bezeichnungen in den verschiedenen Sprachen vorfinden, belegt, dass es nicht um dieses Subjekt „Gott“, sondern viel eher um die Bilder von ihm gehen dürfte, die uns trennen – und die wir eben nicht miteinander teilen sollen, wenn wir mit ihnen unterschiedliche Religionen praktizieren.

„Allah“, „Jahwe“ oder eben „Gott“ – jede Begrifflichkeit ordnet dem Unbegreiflichen eine Vorstellung darüber zu, wie sich „Gott“ uns Menschen offenbart. Diesen Umstand hat die katholische Jugend bei ihren Betrachtungen ausgelassen. Christen sind überzeugt von einem trinitarischen Verständnis, das wir von Gott haben. Es ist eben nicht dasselbe wie jenes von Muslimen oder Juden. Wer aus einem nachvollziehbaren Grund von Verständigung versucht, Gott auf seine alleinige Existenz im Glauben der unterschiedlichen Lehren zu reduzieren, dabei aber vertuscht, dass es gerade die Erscheinungsformen sind, in denen sich die Anschauungen voneinander unterscheiden, setzt den „guten Willen“ über die Tatsache, dass Religionen mit der Aufgabe ihrer Prinzipien nicht nur ihr Alleinstellungsmerkmal verlieren würden. Viel eher gäben sie sogar ihr Fundament auf, das keinesfalls nur eine Rechtfertigungsgrundlage, sondern das Selbstbewusstsein einer jahrtausendealten Bewegung ist.

Parallelen ergeben sich nicht dadurch, dass man von einem Gott überzeugt sein mag, sondern viel eher in der Frage seiner individuellen Transzendenz. Deshalb können Christen nicht an Allah glauben, der Aufschrei wäre viel größer, hätte man stattdessen umgekehrt festgehalten: „Alle Muslime glauben an den Vater Jesu“, wie die richtige Beschreibung lauten müsste, würde man eine Entsprechung suchen wollen, die dem „Gott“ gerecht wird, von dem Christen eigentlich sprechen sollten. Deutet man nämlich „Allah“ ausschließlich deistisch, würde man seiner Gegenwärtigkeit ebenso wenig gerecht, wie im Falle der Begrenzung von „Jahwe“ auf seine Eigenschaft als Schöpfer der Welt. Die theistische Bedeutung ist jene, die den jeweiligen Glauben prägt. Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass wir trotz der Verbundenheit als abrahamitische Religionen den jeweiligen Anspruch auf die Einzigartigkeit unseres Gottesbildes erheben wollen – und uns deshalb eine leichtfertige Zuschreibung des fremden Verständnisses Gottes auch nicht zu eigen machen können. Mit dem Slogan des BDKJ würden wir unsere Identität als Christen vollends aufgeben, was sicherlich nicht im Sinne all der Macher dieser Aktion gewesen sein dürfte.

Den interreligiösen Dialog voranzubringen, das ist eine ehrenvolle Herausforderung, die zweifelsohne großer Unterstützung bedarf. Wie der Ursprung des Namens aber verrät, ist der Dialog einzig ein „Zwie-Gespräch“. Er darf nicht als eine Vereinnahmung missgedeutet werden, vor allem dann nicht, wenn wir um manch angespannte Situation im Verhältnis der Religionen untereinander wissen. Wir dürfen uns bewusst mit unserer Überzeugung von einem Gott behaupten, die seine Allgegenwart gerade nicht nur durch den Vater, sondern eben auch als Sohn und daneben im Heiligen Geist zum Ausdruck bringt. Wenn Annäherung zu einer Anbiederung wird, hat sie nichts mehr von Eigenständigkeit – und wird auch nicht weiter ernst genommen. Im Gegenteil: Schwachheit in den eigenen Glaubensbildern kann dazu führen, dass Religionen belächelt werden. Gerade das hätte das Christentum aber auf keinen Fall nötig. Dialoge führt man auf Augenhöhe, um sie mit gegenseitigem Respekt und Wertschätzung bereichern zu können. Modernität bedeutet nicht, sich zum Weichspüler unter den Gemeinschaften zu degradieren. Wo ist die Courage der katholischen Jugend denn heute geblieben?

[Dennis Riehle]

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Pressemitteilung

In einem Vortrag ging die Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. auf die Änderungen im deutschen Pflegesystem durch das Inkrafttreten weiterer Gesetzesneuerungen im Zuge des Pflegestärkungsgesetzes ein. Referent Dennis Riehle, Leiter der Sozial- und Pflegesprechstunde des Vereins, erläuterte den Übergang von den bisherigen drei Pflegestufen zu den fünf Pflegegraden, die ab 1.1.2017 Gültigkeit erlangen werden. Er verdeutlichte auch die neue Begutachtungsgrundlage, auf der der „Medizinische Dienst“ fortan die Pflegebedürftigkeit feststellen muss. Die Bedeutung kognitiver und seelischer Einschränkungen dürfte durch das neue Verständnis in der entsprechenden Einschätzung über den Pflegegrad ansteigen. Trotzdem sieht Riehle nur bedingte Vorteile für diejenigen, die noch zwingend bis zum Ende dieses Jahres ihren Antrag auf Pflegeleistungen stellen: „Zwar könnte man davon ausgehen, dass Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen noch gewisse Vorteile haben dürften, wenn sie nach dem alten System eingestuft werden. Durch die Gesamtschau, die ab 1. Januar auf die zu Pflegenden zukommt, dürfte sich allerdings der Anspruch auf eine bessere Einstufung aller vorliegenden Funktionsbeeinträchtigungen verbessern“, so Riehle.

Wesentliche Aussage bei der Reform ist die des „Bestandsschutzes“. Er garantiert, dass keiner, der bereits eine Pflegestufe zugesprochen bekam, fortan schlechter gestellt wird. „Viel eher wird eine großzügige Übertragung aus der bisherigen in die neuen Einordnungen folgen, die zudem verschiedene Leistungssteigerungen in beachtlichem Maße mit sich bringen wird“, meint Riehle. Auch stationär müssten sich Erleichterungen ergeben, da der Eigenanteil für die pflegerischen Maßnahmen bundesweit bei einem ungefähren Rahmen gedeckelt wird. „Nur für manche Gruppen ergibt sich hier ein Mehraufwand als bisher. Ansonsten fallen auch hier die entsprechenden Entlastungen deutlich aus“. Wesentliche Verbesserungen bringen die neuen Rechte für die Angehörigen mit Ansprüchen auf eine Pflegeberatung und etwaigen Vorzügen in der Sozialversicherung. „Zusammenfassend werden die Pflegebedürftigen auch weiterhin nach dem Grundsatz ‚Ambulant vor Stationär‘ in denjenigen Bereichen besonders gefördert, in welchen das Pflegeheim ganz bewusst zum Wohl des Betroffenen noch hinausgezögert werden könnte. Insgesamt wird aber die Bedürftigkeit unter ganz neuen Vorsätzen betrachtet und somit dem Einzelnen gerechter werdend bestimmt“.

Informationen zur Pflegereform in einem Informationsblatt der Sozial- und Pflegesprechstunde, das unter Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de oder über Post: Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz, kostenlos erhältlich ist. Dennis Riehle bietet darüber hinaus eine ehrenamtliche Erstberatung zu Themen aus dem Bereich „Pflege und Soziales“ an.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Mit Jubel, langem Beifall und Freudentränen wurde er empfangen. Zurück aus der Haft, stellte sich Uli Hoeneß erneut zur Wahl als Präsident beim Fußballverein „FC Bayern München“. Wegen Steuervergehen wurde er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, saß davon einen Teil ab, ehe er nun wiederkehrte, dorthin, wo er es noch vor seinem Antritt der Gefängnisstrafe versprochen hatte. Und natürlich wurde Hoeneß wiedergewählt, daran hatte auch niemand Zweifel. Wirklich niemand? Weshalb ist das so selbstverständlich, dass jemand, der Millionen Steuergelder hinterzogen hat, nach einer teilweise im Vollzug verbrachten Strafe, offenkundig problemlos wieder mitten in der Gesellschaft auftaucht, ohne, dass jemand daran auch nur einen geringen Anstoß nehmen würde?

Stimmen aus dem Publikum von Fans und Mitgliedern machten deutlich: Es spielte bei Uli Hoeneß nie eine Rolle, ob er als Straftäter wieder zurück in ein Spitzenamt kommen könnte. Der Platz war ihm stets gesichert. Denn, so sagt man, er habe sich entschuldigt, seine Strafe abgesessen und habe sich in der Haft gut geführt – habe sogar in der Waschküche geholfen. Deutlich wird: Hier misst man mit zweierlei Maß. Natürlich muss ein Gefangener, sollte es ihm möglich sein, auch „niedere“ Arbeit verrichten. Da ist es nicht die Selbstlosigkeit des alten und neuen Präsidenten des „FC Bayern“, die darüber entscheidet, ob er solch eine Aufgabe zu erledigen hat. Vor dem Gesetz – und eben auch im Vollzug – sind alle Menschen gleich. Und überhaupt: Bei allen subjektiven Vorteilen, die Hoeneß für manch Außenstehenden genossen hat, wird man nicht von einem gebrochenen Häftling sprechen können, der dort aus der JVA entlassen wurde.

Er hat sich entschuldigt und die Strafe abgesessen. Wie viele Straftäter tun das ihm gleich – und werden doch nicht integriert, wenn sie wieder in die Freiheit entlassen werden? Während die Gesellschaft beim Thema Schuld und vor allem Strafe generell zu Härte tendiert und mit Urteilen selten zufrieden ist, scheint sie bei manchen VIPs doch ziemlich schnell zu verzeihen. Da hinterfragte kaum jemand, ob die gefundene Strafe gerecht ist – und insbesondere: Niemand hatte ein Problem damit, einen entlassenen Gefangenen wieder in die Mitte eines riesigen Vereins aufzunehmen, ihm also eine Rückkehr in das frühere Leben zu ermöglichen. Welcher Häftling kann sonst darauf hoffen, dass er so empfangen wird nach einem prägenden Gefängnisaufenthalt? Es wird nicht selten ein Spießroutenlauf sein, für jene, die eben nicht das Glück einer glänzenden Charakterperson, um überhaupt wieder in Frieden leben zu können. Von einer Einbeziehung in das soziale Leben einmal ganz abgesehen.

Wie gehen wir mit denjenigen um, die Reue zeigen, die nach einer Verurteilung ihre Strafe absitzen und denen anzusehen ist, dass sie bereit sind zu einer Resozialisierung? Uli Hoeneß ist ein Paradebeispiel, wie es funktionieren kann. Wer Buße zeigt, dem sollte eben auch vergeben werden. So, wie dem Präsidenten des „FC Bayern“ eine „zweite Chance“ eingeräumt wird, wie eine engagierte Teilnehmerin der Versammlung forderte, sollte es eben nicht nur den Prominenten ergehen, wenn sie sich einen Fehltritt geleistet haben. Ja, alle Menschen sind gleich. Und dann müssen wir ihnen auch allen dieselbe Chance zur Wiedereingliederung einräumen. Die Steine, die vielen entlassenen Tätern in den Weg gelegt werden, sind Ausdruck von Rache, von Sühne und von sozialer Abgrenzung. Sie suggerieren eine scheinbare Überlegenheit derer, die sich als die vermeintlich Besseren darstellen möchten. Und doch zeigen sie nur, dass sie nicht zu Humanität offen und fähig sind. Es wäre schön, wenn Mancher sie durch den aktuellen Fall erlernen würde…

[Dennis Riehle]

Leserbrief

Erst hatte kaum jemand etwas darüber gewusst, dass überhaupt eine Arbeitsgruppe eingesetzt wurde, die Leitlinien für die Bürgerbeteiligung erarbeiten soll. Dann herrschte keine nachvollziehbare und begründete Transparenz über deren Besetzung. Schlussendlich tagte sie über Monate hinter verschlossenen Türen. Und plötzlich liegt der fertige Entwurf vor, dem der Gemeinderat zustimmen soll. So vermittelte sich zumindest der Eindruck über die letztendliche Entstehung eines Papiers, dessen wirklich entscheidenden Inhalten dann auch noch die nötige Zustimmung verweigert wird.

Wenn nicht einmal Bürgergemeinschaften ein Recht darauf erhalten sollen, eine verbindliche Partizipation anzuregen, muss man sich durchaus fragen, wie ernst es tatsächlich mit dem Willen nach einer Einbeziehung der Bevölkerung in wichtige Fragen des örtlichen Geschehens gemeint war.

Vielleicht wäre es unter diesen Umständen ehrlicher gewesen, Verwaltung und offenbar auch Teile des Stadtrates hätten von Beginn an festgehalten, dass sie keine Mitsprache der Konstanzer wünschen. Dann hätte jeder Einzelne gewusst, woran er ist – und wo er bei der nächsten Wahl sein Kreuz setzen soll.

Das Resultat einer nahezu wertlosen Richtungsvorgabe nun, vor allem aber das Verfahren seines Zustandekommens, ist nicht nur peinlich für die Kommunalpolitik, sondern es zeugt auch von einem Veräppeln der gesamten Öffentlichkeit.

[Dennis Riehle]

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Gastkommentar

Vor über zehn Jahren begann ich mit meinem ehrenamtlichen Engagement in der Selbsthilfe. Eigentlich ist ein solcher Zeitraum in einer gefühlt immer schnelleren Entwicklung kaum eine große Distanz. Doch wenn ich dieser Tage eine Bestandsaufnahme vornehme über das, was sich in der Bewegung getan hat, die nicht erst seit den 1960er-Jahren durch die Zusammenkunft von Menschen in ähnlichen Lebenssituationen einen besonderen Stellenwert in der niederschwelligen Selbstverantwortung für die persönlichen Probleme eingenommen hat, bin ich ernüchtert. Von Jahr zu Jahr gestaltete es sich schwieriger, diejenigen für die Selbsthilfe zu begeistern, die noch kurze Zeit davor von der Kraft der Selbsthilfearbeit schwärmten. Die Epoche einer zunehmenden Individualisierung hatte sich nicht nur in der Gesellschaft spürbar breit gemacht. Auch die Idee, dass der Austausch über die eigenen Tiefen und besonders die Erfolge ein wechselseitiges Profitieren ist, war offenbar verkümmert. Denn nicht selten hörte ich doch plötzlich diesen Standpunkt aus Egoismus, vielleicht aber auch Angst: „Was soll ich mich da hinsetzen, damit die anderen was davon haben und ich dennoch nichts mitnehmen kann!“.

Aber nicht nur die Fokussierung auf die eigenen Gewinne haben der Selbsthilfe schwer zugesetzt. Der Vormarsch an digitalen Kontakten macht zunichte, was über Jahrzehnte in freiwilliger Arbeit von vielen Betroffenen und Angehörigen errichtet wurde. Heute trifft man sich nicht mehr persönlich, in dem mit vielen Vorurteilen besetzten und in den Köpfen der Allgemeinheit weiterhin omnipräsenten Stuhlkreis. Auch immer mehr Selbsthilfeorganisationen bieten stattdessen die virtuelle Selbsthilfegruppe an. Im Videochat tauscht man sich scheinbar ebenso gut aus wie dort, wo man früher noch Auge in Auge miteinander sprechen, auf Körperhaltungen eingehen, Emotionen spüren und auf Gefühle des Anderen adäquat eingehen konnte. Für eine Gruppe wie meine, in der auch Soziale Phobien das Thema waren, ist solch eine Entwicklung der wahrhaftige Dolchstoß. Denn waren wir nicht genau dafür angetreten? Dafür, die Menschen aus ihren vier Wänden wieder zurück in die Realität zu holen? Zunächst über den Weg des bewusst geschützt gewählten Außenrahmens einer Gruppe, die an Orten zusammenkommt, an denen es anonymisiert machbar war, später dann auch mit gemeinsamen Ausflügen in die Welt dieses für viele Erkrankte so beängstigenden pulsierenden Lebens? Dabei ist dieser Prozess, sich wieder verstärkt in die Privatsphäre zurückzuziehen, mit dem Trend zur Entsolidarisierung problemlos in Verbindung zu setzen.

Die eigenen Sorgen haben stetigen Vorrang – dieser Gedanke zeigt auch, dass die Szene trotz umfangreicher Aufklärungsarbeit noch immer nicht vermitteln konnte, dass Selbst-Hilfe nur bedingt etwas mit der Überlegung gemein hat, die sprichwörtlich in „Hilf‘ dir selbst, dann hilft die Gott“ ihren Ausdruck findet. Mit Gleichbetroffenen die Erfahrungen auszutauschen, das tut nicht nur deshalb gut, weil man ein Gespür dafür bekommt, wie heilsam eigentlich die Hilfe für den Anderen ist. Vielmehr wird derjenige, dem man sich zu öffnen bereit ist, ebenso mit seinen Aufs und Abs im eigenen Leben eine Unterstützung, hat er doch vielleicht das erlebt, was auch mir in meiner Situation eine Linderung bringen könnte. Diese Philosophie scheint zu wenig vermittelt worden zu sein, wenn es nun darum geht, es sich auf der Couch daheim gemütlich zu machen und dort darauf zu warten, dass die Hilfe durch den Laptop kommen möge – um gleichzeitig noch darauf abzuzielen, dass dabei ausschließlich der persönliche Nutzen herausspringt. Wie sehr sich ängstliche Symptome, die bei nahezu jeder Krankheit in irgendeiner Art und Weise eine Rolle spielen, durch eine solche Haltung verfestigen, musste ich bei mehreren Betroffenen miterleben, die sich bei mir nach einer Gruppe erkundigten, dann jedoch nie bei einem Treffen aufgetaucht sind – und stattdessen in regelmäßigen Abständen erneut ihre Mails schickten und letztlich attestierten, dass sie sich mittlerweile gar nicht mehr vor die Türe trauten. Und das, zu ihrem großen Erstaunen, obwohl sie doch wöchentlich an einer Chat-Gruppe teilnahmen. Eine Moderation gab es nicht – und so endeten die dortigen Gespräche entweder beim „geilsten“ Burger einer großen „Fast Food“-Kette oder im selbstmitleidigen Tränensee, den über die Kamera niemand so wirklich trocknen kann.

Kann der Leidensdruck wirklich groß sein, wenn man mit seiner Erkrankung so lax umgeht? Wahrscheinlich ist es eher die Hilflosigkeit vieler Menschen, wie sie mit den Umwälzungen der Moderne verfahren sollten. Nicht anders kann ich mir auch die Ergebnisse aus Befragungen erklären, die ich über einige Monate vorgenommen habe, nachdem ich bei meinen Gruppentreffen trotz einer ständigen Nachfrage plötzlich alleine dasaß – und durchaus an meinem Engagement zweifelte. Bei 34 Mail- und Telefonkontakten innerhalb von vier Wochen, von denen sich 27 nach einer Selbsthilfegruppe zunächst erkundigten, dann aber doch zu zögern begannen, als es um eine konkrete Teilnahme gehen sollte, fragten schlussendlich immerhin 21, ob es denn nicht auch online ein Angebot gebe, das man in Anspruch nehmen könne. Auf den Einwand, warum man nicht an einem persönlichen Treffen interessiert sei, waren immerhin 13 ehrlich und gaben an, dass sie nicht zuverlässig seien, um regelmäßig zu einer Zusammenkunft zu kommen. Von allen Kontaktsuchenden meinten nach einer Information darüber, was eigentlich eine Selbsthilfegruppe sei, doch 23: „Was habe ich davon, wenn ich da dabei bin?“. Und 29 stellen am Ende fest, dass sie eigentlich nur eine Frage hätten – um dann aber doch anzufügen, ob sie denn nochmals anrufen oder schreiben könnten. Selbsthilfe – und vor allem ihre Ehrenamtlichen begeben sich durch solche Standpunkte zunehmend in die Situation des Gemischtwarenladens, eine Dienstleistung, die mit der eigentlichen Ideen eines wirklichen „Gebens und Nehmens“ nicht mehr allzu viele Gemeinsamkeiten hat.

Eine Tendenz ist dagegen klar: Das Bedürfnis nach einer individuellen – aber eben nicht mehr kollektiven – Stütze wird in einem Miteinander des fortdauernden Rückzugs immer größer. Verzeichnete ich vor einigen Jahren pro Jahr noch 200 Kontakte, sind es heute mehr als 500. Da wird aus einem Selbsthilfegruppenleiter ein Zuhörer, ein Wegweiser und ein Hoffnungsträger, der über Kommunikationsmittel die Resultate einer Entwicklung auffangen muss, die er eigens nie gewollt hat. Und doch fühle auch ich mich machtlos, wenn es darum geht, wie sich die Selbsthilfe heute selbst helfen kann. Natürlich versuchen wir, mit der Zeit zu gehen und auch das auszuprobieren, was uns in der Dynamik eines transhumanistischen Denkens an Chancen, aber eben auch an Risiko aufgebrummt wird. Da entstehen interaktive Webseiten und ansprechende „Tools“ für die jungen Menschen, da werden „Apps“ bereitgestellt, die die Seele trösten sollen, „QR-Codes“ auf Plakaten wie in der Unternehmenswerbung oder das Forum, das die Nöte genauso ernst nehmen soll wie eben der Freund oder der Partner. Bei aller Entpersonalisierung wird deutlich: Ist die Selbsthilfe tatsächlich mit dieser Vision über unsere Gegenwart und unsere Zukunft kompatibel? Ist sie nicht auch ein Opfer des Verlustes an Empathie, an Menschlichkeit und wachsender Einsamkeit? Und muss sie hinnehmen, dass solche Tatsachen nun geschaffen wurden – oder ist sie nicht sogar verpflichtet dazu, diese Veränderung kritisch zu betrachten?

Sie war besonders stark in Zeiten um 1968. Sie kennt also Umbrüche und weiß, wie es gerade in derartigen Augenblicken einer reflektierten Kraft bedarf. Denn sie ist wahrlich nicht nur mit Ideologien beschäftigt, sondern auch mit pragmatischen Problemen. In meiner Arbeit wird mir stets neu deutlich, wie sehr sich an der Selbsthilfe auch ein Zeitgeist widerspiegelt, den die Politik kreiert: Da fange ich auf, was im Gesundheitswesen immer schiefer läuft. Die wenigen Minuten beim Therapeuten, die nicht reichen, um zumindest das Grundproblem näher zu erklären. Die monatelangen Wartezeiten bis zu einem Termin beim Facharzt. Der Hausarzt, der eigentlich glücklich ist, am Wochenende das Handy klingeln zu lassen. Oder die frühzeitige Entlassung aus der Klinik, weil die Pauschale doch schon verbraucht ist. Im Zweifel sind es wieder diese Freiwilligen, die ihre Ohren öffnen, wenn die öffentliche Daseinsvorsorge nicht mehr lauscht. Das soll Ehrenamt eigentlich nicht sein – und doch fehlt es auch der Selbsthilfe heute an einem gesunden Bewusstsein. Sie muss sich wahrlich nicht unter ihrem Wert verkaufen. Vielleicht ist das die Lehre aus einer spürbaren Zäsur einer Bewegung, die nicht umsonst auf Traditionen setzen darf. Nein, wir brauchen keine Bemutterung und auch keine Versuche, die Selbsthilfe wiederzubeleben. Viel eher sollten wir uns auf unsere Kernkompetenz besinnen: Die Hilfe für uns, aber viel eher auch für Andere. Denn daraus ziehen wir – und eben nicht der Einzelne – unseren kräftigsten Nutzen. Wo es denn geht, natürlich am besten in der Gruppe und mit leibhaftigen Teilnehmern. Und daneben immer dort, wo wir diesem Ideal letztlich noch am allernächsten kommen…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Polen diskutiert seit einiger Zeit, auch in Italien und Spanien ist die Thematik immer wieder in der gesellschaftlichen Debatte präsent. In Deutschland allerdings, da schweigt nicht nur die Politik darüber, weil offenbar die Mehrheit der Menschen denkt, die momentane Regelung sei vollkommen hinreichend. Schwangerschaftsabbrüche scheinen in unserem Land ein Tabu zu sein, täglich werden Kinder abgetrieben, es hat sich eine Situation eingerichtet, in der man glauben mag, es funktioniere alles „wie am Schnürchen“. Dass aber mit jedem „Fall“, wie es gern von manchen Gynäkologen genannt wird, mindestens zwei Leben zerstört werden, das geht in einem Miteinander, das die Selbstbestimmung der Frau über den Grundsatz der Würde eines jeden Menschen – eben auch des Ungeborenen – stellt, völlig unter. Und das soll es auch. Denn wie können wir anders mit einem Zustand umgehen, der der Natürlichkeit derart widerspricht wie der künstliche Eingriff in das Heranwachsen eines Kindes, mit der Konsequenz, es zu töten, als ihn schlussendlich aus Scham und Schuld nur noch zu verdrängen?

Gleich drei Frauen suchten mich in den letzten Monaten auf, sie wollten eine unabhängige Beratung, abseits der Anlaufstellen von staatlicher oder institutioneller Trägerschaft. Es ging ihnen nicht darum, eine Bescheinigung zu bekommen oder Auskunft auf Fragen zu geben, die stets dieselben in solch einem Gespräch sind, das obligatorisch wird, wenn die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch dann auch ansteht. Sie hatten ernsthafte Zweifel. Ihnen war das Ringen anzusehen, das sie offenkundig schon über mehrere Wochen mit sich herumgetragen hatten. Erschrocken zeigte ich mich nicht nur ob der Sprache: „Ich wollte halt ein Kind machen. Und dann ist es eben auf einmal passiert. Mir war ja nicht klar, dass das so schnell gehen würde. Jetzt soll es weg“. Einen Menschen „machen“? Ein Embryo „weg“ werfen, loswerden? Und bei einer Frau mit über 20 Jahren die Verwunderung darüber, dass es „schnell“ gehen kann mit einem Kind? Selten wurde mir so deutlich, dass unsere Gesellschaft offenkundig auf der ganzen Breite versagt hat.

Wer einen winzigen Hauch von Aufklärung und Bildung erlebt hat, dem müsste deutlich geworden sein, dass bei jedem neuen Geschlechtsverkehr wieder ein Kind „gemacht“ werden könnte. Dass dieser Gedanke aber untergeht, wenn man – wie mir die andere junge Frau berichtete – „Rudelverkehr“ hat, mag dann allerdings doch nicht verwundern. Wieso sollte er aber auch – immerhin gibt es die Medizin, die heute für fast jedes „Problem“ eine Lösung findet. Und als solches sehen es wohl immer mehr Frauen an, wenn sie schwanger werden. Der Zeitpunkt passt nicht, die Karriere geht vor oder der Mann schlägt sie grün und blau, wenn er von dem Kind erfährt – als ob er nicht auch wüsste, wie das funktioniert, mit Samen und Eizelle. Man würde noch ein gewisses Verständnis aufbringen können, wären wir nicht in einem Zeitalter, das dabei hilft, die Zeugung eines Kindes zu steuern. Schlimm genug, dass wir offenbar die Sexualität zu einer derartigen Alltagsangelegenheit verkommen lassen haben, dass diese Steuerung sich nicht mehr durch ganz übliche Enthaltsamkeit regeln lässt. Da sitzt mir eine erwachsene Dame gegenüber, die überrascht ist, dass sie nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr schwanger geworden ist – und nun aus lauter Verwirrung fragt: „Die können das doch absaugen?“.

Mittlerweile wissen durch die Sexualpolitik der Länder unsere Kindergartenkinder, wie das mit der Zweisamkeit aus Frau und Mann ist. Und doch sind die Frauen im Selbstbewusstsein dessen, dass sie das alleinige Recht darüber haben, was in ihrem Bauch zu geschehen hat, der Überzeugung, dass Schwangerschaftsabbrüche eine Selbstverständlichkeit seien, auf die ein verlässlicher Anspruch bestehen müsse. Nein, das weibliche Geschlecht ist eben keine „Gebärmaschine“, in der nebenbei die Kinder „produziert“ und bei Bedarf eben auch wieder zerstört werden können. Unter welchem Wert verkauft sich die Frau von heute, wenn sie sich auf ein solches Bild reduzieren lässt? Wenn sie selbst nicht mehr in der Lage scheint, die Bedeutung für unsere Gesellschaft einzuschätzen. Kinderkriegen – das ist nur vordergründig eine Privatsache. In Wirklichkeit trägt jede werdende Mutter eine ganz erhebliche Verantwortung für unsere Zukunft. Deshalb kann es auch nicht sein, dass wir einfach nur zusehen, wie Schwangerschaften zu einem Versuchslabor degradiert werden. Sie sind kein Spielfeld, man kann damit nicht experimentieren, weil es jedes Mal um mehr geht als um die Frage, ob das Kind in diesem Moment auch gelegen kommen würde.

„Im Zweifel würde ich es mir auch selbst rausschlagen“, diese Worte erschrecken nicht nur, sie machen viel eher deutlich, wie groß scheinbar der Hilfebedarf besonders für junge Frauen ist, die gegen ein heranwachsendes Baby in ihrem Bauch ein autoaggressives Verhalten entwickeln, das sich nur stellvertretend an das Kind richtet. Die psychosoziale Not in unserem Land wird oft verkannt. Und sie trifft auf eine ethisch, auf eine religiöse Verrohung, die uns lehrt, das der Mensch alleiniger Mittelpunkt und damit „Gott“ über das eigene und wohl auch über fremdes Leben im Heranwachsen wurde. Die Ankunft des Kindes, sie wird nicht nur in der Vorweihnachtszeit von den Christen vorbereitet. Die Freude über das Neue ist in vielen Familien mittlerweile verloschen. Nicht nur ein Egoismus im heutigen Wirtschaftszeitalter, das den Beruf zum eigentlichen Sinnbild für eine gelingende Existenz erklärt, lässt die Mutterschaft eher zu einer Nebensache werden. Auch die politische Würdigung der Familie trägt erheblich dazu bei, dass das Geschenk eines Kinders keinen Würdigung mehr erhält. Die Dankbarkeit für etwas, was manch emotionsloser Mitstreiter der Evolutionstheorie nur noch als Zufallsprodukt ansieht, hat auch deshalb bei uns keinen Raum mehr, weil wir glauben, die Welt einfach selbst retten zu können – denn wir bestimmen heute die flexiblen Werte, die keine Kontinuität mehr kennen, sondern zum „Vorteil“ der jeweiligen Anforderung angepasst werden können.

Es ist aber die Aufgabe von uns allen, diesen Mythos eines angeblichen Feminismus auszuräumen: Nein, Abtreibung ist kein Beweis für die Überlegenheit des Menschen über die Natur. Sie ist eine Unterordnung unter die Faszination des Menschwerdens, das wir mit Gewalt nur deshalb unterbrechen wollen, weil wir uns in unserer Unfähigkeit für ein Staunen so angeblich stark fühlen. Kinder zu bekommen, das ist eine bewusste Entscheidung, die eben kein Alltag sein darf. Nur, wenn wir das Unglaubliche an der Besonderheit, an der Einzigartigkeit und an der Schönheit der Verschmelzung von Mann und Frau im nicht routinierten, sondern jedes Mal erfüllenden Sex respektieren, wird sich auch die Sicht auf die Schwangerschaft wieder verändern können. Gott ist Kind geworden – und das unter ärmlichsten Bedingungen. Das sollten wir bei aller Unwägbarkeit, die manche Frau bei uns vor der Geburt ihres Kindes plagt, ins Gedächtnis rufen. Die Ausrede, man habe nicht darüber nachgedacht, wozu ein Seitensprung tatsächlich führen kann, ist ebenso zynisch wie diese Argumentation, der „Klumpen“ könne ja problemlos aus dem Unterleib „herausgerissen“ werden. Nicht nur der Bauch, nicht nur die Mutter, sondern vor allem der Embryo ist das hilflose Opfer einer mittlerweile zur unternehmerisch daherkommenden Praxis der Abtreibung, die enorme Folgen mit sich bringt. Wie viele Frauen saßen nach dem Schwangerschaftsabbruch bei mir, mit unbändigen Selbstvorwürfen. Und das Grundproblem, das sich hinter der nicht selten vollkommen überhasteten Entscheidung versteckt, war nie gelöst – ganz im Gegenteil.

Hätte Gott gewusst, wie ernst seine Geschöpfe die ihnen übertragene Verantwortung im Wissen um Gut und Böse (1. Mose 3,22) genommen haben, wäre nicht klar, ob es mit der Selbstbestimmung je so weit gekommen wäre. Die Demut des Einzelnen, sie setzt meist erst dann ein, wenn es schon zu spät ist. Auch bei einer der drei von mir beratenen Frauen. Ihre Sorgen habe ich angenommen, ihre Position aber nicht. Es wäre ein falsches Mitleid gewesen, ich hätte mich eingelassen auf das Vertauschen von Wirkung und Ursache, auf ein Bitten, meine Moral so zu verbiegen, dass mein Gegenüber das zu hören bekommt, wonach sie suchte. Ich kann nicht zwingen, das will ich auch nicht. Ich kann lediglich überzeugen. Zum Zeitpunkt des ersten Monats war sie offenkundig nicht bereit dazu, wenige Wochen danach erlebte ich eine in tiefe Trauer gestürzte junge Dame, die ihr Kind verloren hatte, durch einen Schwangerschaftsabbruch, der keinen plausiblen Grund hatte. Das hatte sie jetzt ebenfalls begriffen – und ich fragte mich, ob ich die Erkenntnis als Drama oder einen Gewinn einordnen sollte, wenn sie nun feststellte: „Das war ja ein Leben!“. Die Probleme, die jetzt auf die Frau zukommen dürften, waren vielfach schwerwiegender als jene, die zu ihrem Entschluss geführt hatten. Und erneut stehe ich vor der Schlussfolgerung, dass solche Tragödien nicht einfach hinnehmbar sind. Vielleicht ist die bevorstehende Adventszeit ein neuer Grund, sich einzusetzen, in der Hoffnung auf diese Worte: „Euch ist ein Kindlein heut‘ gebor‘n, von einer Jungfrau auserkor‘n, ein Kindelein so zart und fein, das soll eu’r Freud‘ und Wonne sein“ (Luther 1535, Syntax geändert).

[Dennis Riehle]

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Zwischenruf

Am Sonntag vor dem 1. Advent, am letzten Sonntag im Kirchenjahr, da begehen die Kirchen im Land den Totensonntag, den Ewigkeitssonntag. Geprägt vom geistlichen Gedenken an die Verstorbenen des vergangenen Jahres, schließen die christlichen Konfessionen damit vor ihrem „Neujahr“ – um innerhalb von einer Woche aus tiefer Traurigkeit in die gespannte Erwartung auf die Ankunft von Jesus Christus in einem Monat überzugehen. Die Vorfreude denkt sich mit dem beginnenden Treiben auf den Weihnachtsmärkten und der heißen Phase für das Geschenkekaufen für den Heiligabend.

Eigentlich klingt das alles ziemlich religiös. Doch der Totensonntag ist mittlerweile weit mehr. Eine Woche nach dem Volkstrauertag wird es immer öfter auch bei uns ganz selbstverständlich, diesen Gedenktag zu verstaatlichen. Und nicht nur das: Selbst die säkulare Szene erkennt den Ewigkeitssonntag als eine Gelegenheit zur Erinnerung an die Toten. Viele humanistische Kreise bieten gar eigene Veranstaltungen an, um im weltlichen Rahmen von denjenigen Abschied zu nehmen, die innerhalb des letzten Jahres verstorben sind. Wie es heute Zeremonien zu Taufe, Konfirmation oder im Sterbefall auch für diejenigen gibt, die keiner religiösen Gemeinschaft angehören, so scheint die Tendenz deutlich zuzunehmen, die kirchlichen Rituale nachahmen zu müssen. Willkommensfeiern, Jugendweihe, Abschiedsfeiern – mehr als Wortneuschöpfungen verbirgt sich dahinter wohl kaum.

Doch ist das wirklich nötig? Und vor allem in dieser Art und Weise? Müssen Humanisten am Totensonntag der Toten gedenken, weil es die Christen eben auch tun? Oder gerade trotz dieses kirchlichen Gedenktages? Fördert eine freidenkerische Bewegung damit nicht eher die Selbstverständlichkeit, wonach religiöse Feiertage auch für jene Bedeutung gewinnen, die eigentlich völlig fern von Konfessionen sind? Generell tut sich im Verhältnis zwischen Kirche und Staat immer wieder die Frage auf, ob von Seiten der säkularen Interessen ein oppositionelles Dasein oder aber ein Miteinander versucht werden muss. Erreicht man, den Konfessionen ihre scheinbare Omnipräsenz im Alltag der Menschen dadurch zu entreißen, ihre Praxis lediglich zu kopieren – oder mit ganz anderen Akzenten zu verdeutlichen, dass man auch ohne christliche Vorlage eine eigene Weltanschauung darstellen kann, die nicht die Grundlage der Kirchen bedarf, um selbstständig eine Philosophie zu erarbeiten?

Wir debattieren auch darüber, ob eine humanistische Überzeugung überhaupt eine Ritualhaftigkeit braucht, um sich zu etablieren. Doch definieren wir uns als soziale Wesen nicht gerade durch das Zusammenkommen in Gemeinschaft, durch das Praktizieren einer verlässlichen Tradition, durch das Teilen unserer Emotionen zu besonderen Anlässen, die eine Zäsur in unserem Leben markieren? Viele sagen, man könne auch gut alleine durch den Alltag gehen. Letztlich scheint diese Meinung in den vergangenen Jahren zuzunehmen, weshalb die Abwägung von immer größerer Bedeutung wird. Doch völlig egal, wie man sich hierbei entscheidet, würde sich eine eigene und unabhängige Kreativität der säkularen Bewegung für eine Kultur des Trauerns, des Gedenkens und des Feierns anbieten, statt den Ideen hinterher zu rennen, die die Kirchen überlegen für sich proklamieren. Humanistisches Selbstbewusstsein zeigt sich nicht dadurch, wie anspruchsvoll wir am Totensonntag unsere eigene Gedenkfeier auszurichten in der Lage sind. Viel eher durch eine Auseinandersetzung damit, wie Trauer abseits von kirchlicher Zeremonie und ihrer Bedeutung verstanden werden kann und schlussendlich auch autonom umsetzbar ist.

Manchmal fehlt es in säkularen Kreisen an Mut für bewusst eigenes Denken. Kürzlich erst haben wir gelesen, wie ein humanistischer Landesverband auf eine Aktion der Kirchen Antworten gefunden hat, die eigenen Glaubenssätze auf einen Bierdeckel kurz zusammenzufassen. Heraus kamen dabei allgemeinverbindliche Aussagen, die wahrscheinlich jeder unterschreiben würde, der an Menschenrechte, Demokratie und Freiheit festzuhalten bereit wäre. Es fehlte an Konsistenz der aufgeschriebenen Schlagworte, weil auch hier auf die Religion lediglich re-agiert wurde. Daher eignet sich nicht nur der diesjährige Ewigkeitssonntag für einen Appell an alle, die nicht nur ein Abbild von einer hiesigen Religion sein wollen: Hetzen wir nicht den Kirchen und ihren Visionen hinterher, nehmen wir uns Zeit, gemeinsam über stichhaltige und authentisch bleibende Eigenkreationen nachzudenken, statt wie Getriebene zu erscheinen. Wir haben es nicht nötig, in unseren Überzeugungen, unseren Werten und unseren Riten nur Duplikate zu sein. Wir haben das Zeug zu einem ehrlichen Original!

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Lesermeinung

Wenn es am schönsten ist, dann soll man am besten gehen. So sagt es das Sprichwort. Doch wie oft erleben wir in diesen Tagen, dass gerade Menschen in herausragender Stellung noch rasch ihre Gewinne mitnehmen, ehe sie dann von der Bildfläche plötzlich verschwinden.

Bei Sportlern, deren „Gehalt“ wir als einfache Bürger seit langem nicht mehr nachvollziehen können und das mit einem ursprünglichen Gerechtigkeitsbegriff kaum noch vereinbar ist, erwarten wir eigentlich eine besondere Sensibilität im Blick auf ihren Umgang mit dem, was ihnen durch ihre Position möglich wurde.

Geld, Ruhm und auch Ehre an einem Zenit des Erfolges einfach einzupacken, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was das für ein Team bedeuten könnte, mit dem man über Jahre vertrauensvoll zusammengearbeitet hat, ohne an die Fans zu denken, die regelmäßig mitfieberten, und ohne einen geregelten Ablauf für das Ausscheiden aus einer Karriere zu finden, ist verantwortungslos.

Die Taschen sind gefüllt, nach mir dann die Sintflut. Nico Rosbergs Verhalten mag für ihn ganz persönlich noch verständlich sein. Viel eher ist es aber ein Abbild einer gesellschaftlichen Veränderung: An erster Stelle, da stehe ich mit meinem Profit, mit meinen Wünschen, mit meinen Befindlichkeiten.

Auch heute noch nennt man so etwas schlichtweg den Höhepunkt einer Dekadenz ohne jegliche Scham und in grenzenloser Selbstverliebtheit!

[Dennis Riehle]