Seit zwei Wochen erhalte ich die Wünsche: „Frohe Ostern“, „Sonnige Tage“, „Schöne Ferien“. In den Supermärkten erinnern mich schon seit langem die bunten Ostereier daran, dass es nun etwas zu feiern geben soll. Und im Fernsehen lese ich auch eher von festlichen Ostergottesdiensten, die am Ostersonntag übertragen werden sollen. Aber war da nicht noch etwas? Für die Kinder wird das „Hasenfest“, wie es furchtbarerweise neutral formuliert wird, zu einer spannenden Suche nach den versteckten Geschenken. Wir konzentrieren uns auf hoffentlich warmes Wetter für den gemeinsamen Familienausflug. Und dass da plötzlich am Karfreitag keine Kirchenglocke mehr läutet, das fällt uns gar nicht auf. Denn die Welt ist doch so wundervoll, könnte man bei all diesen fröhlichen Momenten denken, die wir uns als das einzige Bild des Osterfestes in unser Gedächtnis rufen.

Doch mir fällt gerade heute am Karfreitag etwas ganz Anderes ein: Mich bewegt das Foto der jungen Opfer des Giftgasanschlages in Syrien. Es hatte heftige Diskussionen gegeben, ob man solche Szenen denn überhaupt zeigen sollte. Der Chefredakteur von BILD.de, Julian Reichelt, hatte es verteidigt, solche Bilder müssen abgedruckt werden. Ja, man kann gerade in unseren Tagen derart argumentieren. Tote Kinder, die spastisch neben- und auch übereinander liegen, nachdem sie sterben mussten in einem dieser unzähligen Kriege auf der Welt. Denn ohne solche Zwischenrufe werden wir nicht aufmerksam. Kaum etwas kann uns im 21. Jahrhundert noch wach rütteln, wenn wir täglich mit hunderten von Nachrichten auf unseren „Smartphones“ konfrontiert werden – und das Gefühl dafür verlieren, was denn wirklich wichtig ist, was gut ist und was eben böse.

Wir leben in einem eigens um uns gelegten Schutzschild, das die Grausamkeiten der Wirklichkeit von uns fernhalten möge. Erst kürzlich erzählte mir ein Freund, dass er keine Nachrichten mehr ansehe. Er könne diese schrecklichen Meldungen nicht mehr ertragen. Ein bisschen so, wie auch an Ostern. Da blenden wir gleichsam aus, dass es mehr gibt als diese Freude, dieses Jubeln, das „Christus ist auferstanden“, was wir uns am Ostermorgen zurufen und das sich als „eine freudige Nachricht“ ausbreitet, wie es der kürzlich verstorbene Martin Gotthard Schneider in einem seiner Lieder gedichtet hatte (EG 649). Denn diese Auferstehung Jesu, sie wäre wirklich wertlos, wäre ihr nicht die Trauer, der Kummer vorausgeeilt, wie es der Wortursprung des Karfreitages uns lehrt.

Wir verdrängen gerne das Leid, denn es ist unangenehm. Es berührt uns peinlich, auch wenn wir nicht selbst betroffen sind. Wir fühlen uns dennoch schuldig ob unserer Hilflosigkeit. Ob es denen auch so gegangen sein mag, die da am Kreuzweg standen? Oder denen, die gerufen hatten: „Kreuzigt ihn!“? Zumindest einige dürften gehadert haben, damit, dass sie teilnahmslos zusahen, wie jemand grundlos verurteilt wird, zum Tode. Diese Ohnmacht ist erdrückend, so erging es mir auch beim Anblick des Fotos aus Syrien. Wenngleich ich nur äußerst indirekt Einfluss haben kann auf das, was da geschieht, so frage ich mich doch, ob es damit gerechtfertigt werden kann, dass die Masse mich überstimmt, die Verantwortlichen in der Politik, die sich aus taktischen Gründen blockieren.

Doch wie gehen wir um mit diesen uns scheinbar gebundenen Händen, mit der Brutalität des Alltags, mit dem, was uns einfrieren lässt vor Dimension? Nein, es sind nicht nur die Schrecklichkeiten in den Krisengebieten unserer Erde. Es ist die Last in unserem eigenen Leben. Es ist die Armut, die Arbeitslosigkeit, der Familienstreit, die Krankheit oder eben auch der Verlust von geliebten Menschen. Ich gebe zu: Im vergangenen Jahr habe ich Jesu Worte etwas überstrapaziert. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Oftmals kamen sie mir über die Lippen – und ich war keineswegs in einer Situation, in der ich vor dem Kreuz gestanden war. Wie kommen wir aber durch die großen und vor allem auch die kleinen Nöte? Nicht selten bemühen wir die „Theodizée-Frage“, die der von Christus ähnelt, als er für einen Moment spürt, sein himmlischer Vater könnte ihn alleine zurückgelassen haben. Wie kann er es zulassen, dass ein Freund an Leukämie gestorben ist? Warum tut er nichts, wenn die Bomben in Syrien fallen? Weshalb lässt er die Ungerechtigkeit zu, dass derjenige, der die Welt erretten soll, durch Höllenqual gehen muss?

Der Karfreitag war nicht das Ende. Er gehört zur Ostergeschichte wie auch der Ostersonntag. Jeder von ihnen betrachtet ergibt keine überzeugende Erklärung. Daher ist es auch falsch, Ostern als alleiniges Fest der Freude zu betrachten, an dem die bunten Farben und der Sonnenschein vorherrschen. Denn wie sollen wir glauben, dass Jesus auferstanden ist und zum Ewigen Leben gefunden hat, wenn er davor nicht die Sünden der Welt auf sich genommen hat und aus der tiefen Enttäuschung über Gottes vermeintliches Wegsehen nicht das Vertrauen in dessen wundersames Wirken wiederentdeckt hätte? Dieser Spannungsbogen zwischen der Passion und der Auferstehung macht Ostern geheimnisvoll und verlangt uns ab, unsere Emotionen zu ordnen. Zu Tode betrübt, doch dann ein Jauchzen zum Himmel – das ist ein Abbild unseres eigenen Lebens.

Wir können nicht ertragen, was in Syrien und andernorts geschieht. Auch nicht das, was uns an so manch einem Tag zugemutet wird. Und dennoch müssen wir es tragen, wie Jesus das Kreuz durch die Straßen in Jerusalem. Und ja, er brach dabei nicht nur einmal zusammen. Die Menschen im Angriffsgebiet wissen kaum noch, ob sie jemals wieder aus den Ruinen aufstehen. Und doch zeigt uns nicht nur Dietrich Bonhoeffer auf, was Ostern bedeutet, als er in der Gefängniszelle am Ende des Zweiten Weltkrieges seinem Tod entgegensah: „[…] Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht“ (EG 65). Das Zusammenführen, es ist das Vergeben all denjenigen gegenüber, die Buße zeigen. Auch uns gegenüber wollen wir kritisch fragen, ob wir verzeihen wollen. Jesus ist gestorben, um die Sünden hinwegzunehmen. Den Friedensschluss, die Sühne, müssen wir aber selbstständig üben. Und solange wir damit im Kleinen beginnen, können wir hoffen, dass auch im Großen noch eine Aussicht darauf bestehen wird.

Ostern ist also durchaus kein Fest, an dem wir nur unbeschwert sein sollten. Viel eher ist es ein Fest zur Freude an unserem Leben, die aber nicht selbstverständlich ist, sondern uns nachdenklich machen muss. Das macht uns nicht nur die Weltpolitik klar. Viel eher sehen wir auch an Jesus selbst, dass das irdische Hiersein vergänglich ist. Das macht aus dem Moment einen viel wertvolleren Teil unserer Wegstrecke auf Erden, als wir es in hektischen Zeiten oftmals wertzuschätzen vermögen. Und genau in diesen Augenblicken wird Gott es auch sein, der uns auf die Frage Jesus antwortet: Nein, er hat uns nicht verlassen. Doch er offenbart sich nicht, wenn wir es erwarten. Viel eher taucht seine Gegenwart dann bei uns auf, wenn wir eigentlich schon verzagen. Christus hat es selbst erfahren, er ist auferstanden. Das Wunder des Osterfestes begegnet uns als Kindern Gottes nicht so deutlich, wie es durch den Sohn sichtbar geworden ist. Aber es ist da, in den überraschenden und für uns vielleicht zunächst unbedeutend erscheinenden Situationen.

Somit sollten wir nicht nur auf hoppelnde Hasen und viele Schokoladeneier achten, sondern uns die Zeit nehmen, nicht nur dieser Tage Gott im Verborgenen zu entdecken.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Man wirft dem Fußball oft vor, bei Strafen zu lax zu sein. Hooligans werden unzureichend für ihr Fehlverhalten im Stadion belangt, Manager erhalten zu geringe Haft für ihre steuerlichen Vergehen. Doch nun griff ein Verein durch: Der „VfB Stuttgart“ löste den Vertrag mit Kevin Großkreutz auf. Dieser soll in eine Schlägerei verwickelt gewesen sein, wobei das Ausmaß seiner dortigen Beteiligung noch immer nicht vollständig geklärt scheint.

Weil er sich also privat „auf die schiefe Bahn“ begeben hat, muss er bluten. Und da war es nicht mit einer Verwarnung getan. Er bekam das Höchstmaß an Verantwortung zugesprochen, obwohl nicht einmal hinreichend begründet war, weshalb nun gerade er die Last der Schuld tragen soll. Auch ein ordentlicher Prozess würde Aufklärung und Transparenz voran stellen, ehe er entscheidet. Trotz Einvernehmlichkeit wirkt das Vorgehen des Vereins doch übereilt – und vor allem überzogen.

Nein, auch eine Entgleisung nach einer Party ist kein Grund für eine Prügelei. Egal, welche Ursachen dazu geführt haben, Großkreutz hätte zumindest die Möglichkeit zugestanden, sich zu verteidigen. Es wirkte, als ob er mit dem Gesicht zur Wand nur noch in seinen Abgesang einwilligen konnte, ohne einen großen Aufriss mit dem VfB einzugehen. Fair war Stuttgart hier eher nicht und die Verhältnismäßigkeit fehlte überdies. Denn ob man nun ein Exempel statuieren wollte oder das „Fass zum Überlaufen“ kam, all das rechtfertigt nicht, einen sichtlich reuigen Fußballer einfach so vor die Tür zu setzen.

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Konstanz. Die Selbsthilfegruppe für Zwang, Phobie und Depressionen hat in der dunklen Jahreszeit seit Oktober 2016 eine überproportional hohe Zahl an Anfragen und Hilfegesuchen von Menschen mit uni- und bipolar affektiven Erkrankungen erhalten. So lagen die Kontakte monatlich bei rund 15 – 20 alleine für diese Krankheitsbilder. Der Leiter des ehrenamtlichen Angebots, Dennis Riehle, stellt zwar seit Jahren eine steigende Nachfrage an der niederschwelligen Selbsthilfe durch Menschen mit Depressionserkrankungen fest. In der „Saison“ 2016/2017 seien allerdings auffallend viele schwerwiegende Erkrankte über Telefon, Mail oder per Post auf die Gruppe zugekommen, um sich unter Gleichbetroffenen entsprechenden Rat zu suchen: „Oftmals haben wir diese typischen depressiven Verstimmungen erleben können, die manchmal auch der Stimmung im Winter zu verdanken waren. Der Leidensdruck war in der Regel auch nicht so hoch, sodass die Menschen die häufig herabgesetzte Emotionalität auch keinesfalls als eine krankhafte Veränderung bei sich angesehen haben“. Dieses Mal sei es aber anders gewesen, meint Riehle: „Da waren einige Fälle dabei, die nicht mehr aus ihrem ‚Loch‘ herausgekommen sind“.

Auch zahlreiche bipolar Erkrankte meldeten sich in den letzten Monaten bei der Selbsthilfegruppe: „Zumeist sind es Angehörige, die auf uns zugekommen sind. Sie berichteten, dass die Diagnose in der Regel bereits gestellt wurde und die Familie nun erhebliche Schwierigkeiten habe, mit dieser neuen Situation umzugehen. Wir verweisen dann oft auch an Gruppen, die darauf spezialisiert sind, eine Beratung können wir natürlich aber trotzdem anbieten, haben doch auch bei uns viele Betroffene Erfahrungen mit manisch-depressiven Krankheiten. Ich kann von diesem Auf und Ab bei mir selbst ein eigenes Lied singen“. Insgesamt erlebe die Selbsthilfe dieser Tage durchaus eine Rückkehr in das Gedächtnis der Menschen, empfindet Riehle: „Die klassische und bekannte Gruppe, in der man regelmäßig beieinander sitzt, ist heute aber leider ein Stück aus der Mode gekommen. Und doch ist der Bedarf groß, sich abseits des professionellen Gesundheitswesens mit denen auszutauschen, die die eigene Situation besser verstehen können. Das geschieht mittlerweile auf ganz anderen Wegen – im Einzelkontakt, über elektronische Kommunikation oder in Foren, Chats und Apps“.

„Gerade die bipolare Störung, aber auch schwere depressive Erkrankungen bereiten den Betroffenen und ihrem Umfeld häufig eine große Sorge. Und sie verunsichern auch“, sagt Riehle. „Da ist es hilfreich, Tipps für den Umgang zu geben und aus der eigenen Geschichte zu berichten, um klar zu verdeutlichen, dass eine Heilung zwar schwierig, eine Linderung der Erkrankung aber möglich ist. Besonders auch die Aussicht, dass man trotz der Krankheit ein erfülltes Leben führen kann, lässt sich einfacher von jemandem vermitteln, der aus eigener Erfahrung hinter dieser Aussage steht“. Und obwohl Riehle mehr als zehn Stunden pro Woche Mails und Briefe im Zuge seiner Arbeit rein ehrenamtlich beantwortet, schwört er weiterhin auf die Selbsthilfe: „Wir wollen doch alle solange als möglich eigenständig für uns sorgen, leben und auch entscheiden. Dazu befähigt uns dieses seit Jahrzehnten in Anspruch genommene und offenbar hilfreiche Konzept: Ein mündiger Bürger zu sein, selbstbewusst, gerade, wenn wir vielleicht ein wenig anders sind!“.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung

Sie scheint nötiger denn je: Die Debatte um die „Mehrstaatlichkeit“ brandet wieder auf. Wenngleich die Zahl der „doppelten Staatsbürgerschaften“ unter den Deutschtürken gering ist, wird sicherlich neu zu diskutieren sein, ob das gezeigte nationalstaatliche Auftreten vieler Türken in Deutschland auch eine Ursache darin haben könnte, dass von ihnen nie eine Entscheidung für ein Land und für ein Wertesystem abverlangt wurde. Auch der Umstand, wonach weiterhin ein Großteil der Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland zwar ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzt, aber nicht eingebürgert ist (und damit ein klares Bekenntnis zum deutschen Staatssystem nicht ablegen will oder auch konnte), unterstreicht die Notwendigkeit solch einer Debatte.

Dieser Personenkreis, der der Türkei schon auf seinen Ausweispapieren viel stärker verbunden ist als der Bundesrepublik, bringt ganz selbstredend die Forderung mit, Traditionen, Überzeugungen und wohl auch Emotionalitäten nach Deutschland zu tragen, ohne dabei zu registrieren, dass mit der Existenz in einem Land auch die Verantwortung zur Teilhabe am hiesigen politischen Dasein einhergeht. Es ist ein internationales Schauspiel, wenn mehrstaatlich lebende Bürger aus der Ferne mit dem Stimmzettel das Geschehen im Heimatland mitbestimmen wollen. Bei den Deutschtürken massiert sich dieses Phänomen – und führt zu grotesken Situationen, wie derzeit bei den gewollten Wahlkampfauftritten der AKP bei uns im Land. Kann es Sinn von Integrationspolitik sein, Menschen, die sich hier ein neues Zuhause aufgebaut haben, eine Bühne für auswärtige Politik zu bieten? Würde Angela Merkel in der Türkei Wahlkampf betreiben?

Wie übergriffig und gleichsam duckmäuserisch ist es, wenn andere Länder ihren Stimmenfang in unsere Säle verlegen – und dabei auf keinerlei Widerrede deutscher Regierungsvertreter stoßen? Es wirkt durchaus schizophren, zumindest doch gedanklich, gefühlt und offenbar auch weltanschaulich in zwei Ländern zu leben. Kein Abbrechen der inneren Verbundenheit mit dem Heimatland, aber den Fokus auf das Hier. Das kann und muss man von jenen erwarten können, die zu uns kommen – denn auch von uns würde es andernorts eingefordert.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Sind wir denn jetzt wirklich allesamt „Schulz“? Irgendwie wirkt der Wahlkampf zur Bundestagswahl schon nach kurzer Zeit so richtig merkwürdig. Diejenige, die ihr Amt verteidigen soll, ist in den letzten Wochen und Tagen noch stiller geworden als ohnehin schon. Sie duckt sich vor klaren Aussagen, lädt die Verantwortung plötzlich auf den kommunalen Behörden ab und lässt Deutschland mit seinen „Nazi-Praktiken“ weiter durch den türkischen Staatschef beschimpfen, ohne auch nur einen Hauch an Widerspruch von sich hören zu lassen.

Und gleichzeitig scheinen viele junge Menschen aufgrund eines auch nicht sonderlich lebhafteren Spitzenkandidaten der SPD vollends in Rage, als wäre ein Idol aus den 90ern wieder zurückgekehrt. Dabei ist es „nur“ ein ehemaliger EU-Parlamentspräsident, der schon mit seiner Persönlichkeit zu überzeugen schien, ohne etwas gesagt zu haben. Immerhin wurde er Sigmar Gabriel einfach so vorgezogen, wenngleich man bereits im Vorfeld um die Beliebtheitswerte wusste – und damit deutlich war: Gewinnen kann man mit allen, nur nicht mit dem Parteichef. Und obwohl Schulz nun lange nicht in der Innenpolitik aktiv gewesen ist, sind offenbar nicht nur die SPD-Anhänger der Meinung, er könnte durchaus den nächsten Kanzler der Bundesrepublik geben.

Möglicherweise ist das auch nach zwölf Jahren einer Amtsinhaberin, die sich zweifelsohne durch ihre Ruhe stets einen großen Verdienst erworben und damit manche Krise durch- und ausgestanden hat, gar nicht mehr so schwer. Denn eine gewisse Wechselstimmung ist zu spüren in diesem Land, das einerseits wohl so gut wie kaum ein anderes in der EU dasteht, andererseits aber viele seiner Probleme durch das Schweigen seiner Kanzlerin einfach nur weit von sich schiebt. Gerade deshalb setzen viele Bürger wohl in eine neue Führung, und sei es auch nur eine minimale Veränderung, die sich ergeben möge. Denn der große Wahlslogan von einer „sozialen Gerechtigkeit“, er hat sich abgenutzt – und dürfte für den Wähler auch bei Martin Schulz wieder einmal das Sprichwort über die Katze im Sack bestätigen.

Da wird dieser Tage der neueste Armutsbericht veröffentlicht. Wie seit Jahren scheint er für einen Moment zumindest doch eine Meldung in den Nachrichten wert. Anschließend aber kehrte die Politik auch dieses Mal in ihren Alltag zurück, als sei nichts gewesen. Mit denen am untersten Rand, da kann man keine Wahl gewinnen. Diese Strategie verfolgten schon viele Parteien – und vielleicht haben sie auch recht. Denn wer nichts hat, der kann sich auch kaum eine Lobby leisten, die für die Rechte der eigenen Klientel vorspricht. Immerhin muss man auf die Zeit in der Regierung vorausblicken – auf die, die dieses Land und die finanzielle Stabilität der eigenen Partei noch tragen können. Und das werden nicht die sein, die kein Geld haben. Und auch nicht die, die zu schwach sind, um ihre Grundrechte gegen eine Politik durchzusetzen, die immer höhere Hürden für das Einfordern von Würde und Integrität als ganz selbstverständlich ansieht.

Und so hat sich Martin Schulz auch wohl überlegt jene ausgesucht, die „vorzeigbar“ sind: Denn es sollen die motivierten und vitalen 55-Jährigen sein, die bereits sind, sich auch im höheren Alter noch weiterbilden zu lassen, um dann mit knapp 60 nochmals neu anzufangen. Funktionieren, bis man umfällt. Nach dem schönen Motto: Nur, wenn du dich von uns auch wiederbeleben lassen willst, erhältst du ein bisschen mehr aus dem Rententopf. Ist das sozialdemokratische Politik? Ja, es ist die SPD der 2000er-Jahre. Eine „Weiterentwicklung“ dieser unsäglichen „Agenda 2010“, die sich mehr denn je anbiedert an eine neoliberale Denkweise. Schließlich grenzt ja Schulz selbst die wohlklingenden Worte der „Solidarität“ auf die der „Leistungsgerechtigkeit“ ein. Keine Spur von der Überzeugung, wonach Menschen zunächst einen Anspruch auf ein existenzielles Dasein haben – ohne getriezt zu werden.

Es sind nicht die, die heute „Arbeitslosengeld I“ beziehen, die eine Verlängerung ihrer Bezugsdauer bedürfen, um nachher „Q“ zu werden. Es sind Menschen, für die in einem reichen Deutschland „Tafeln“ nötig wurden, damit sie überleben können, für die sich jemand einsetzt, der auf seine Fahnen etwas von „Gerechtigkeit“ schreibt. Nein, Schulz merzt keine „Fehler“ aus, wie er es sagt. Er forciert die „Hartz“-Politik viel eher, weil er die Schrauben dort noch lockert, wo sie vergleichsweise ohnehin nicht sonderlich festgezurrt waren. Nichts von einer Abschaffung der Gängelung, der letztens erst wieder gestiegenen Zahl an Sanktionen für „ALG II“-Empfänger. Trotz Milliarden an Überschüssen keine Investitionen dort, wo der Sockel an Armut sich immer weiter verfestigt, bei der Sozialhilfe, bei Erwerbsminderung, im Alter, für die Pflege.

Schulz scheint nicht auf einen Wandel in Deutschland hinzuarbeiten. Allerhöchstens auf eine Neuauflage der „Großen Koalition“ unter seiner Kanzlerschaft. Denn mit seinen mickrigen Ansagen bislang lässt er überhaupt nichts von einer Kurskorrektur erkennen, die nötig wäre, um der SPD substantielle Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Umfragewerte sind tatsächlich nur ein Bild des momentanen Augenblickes. Da fließt das frische Gesicht eines Politikers ein, den man bislang nur ab und zu aus dem fernen Brüssel her gekannt hat. Da spielt der Überdruss über eine kaum enden wollende Legislatur unter Frau Merkel eine große Rolle, die die Probleme mittlerweile eher über sich ergehen lässt, statt ihnen auch aktiv entgegenzutreten. Und da ist es offenbar der doch bescheiden gewordene und minimalistisch erscheinende Anspruch der Deutschen, es möge überhaupt etwas passieren in unserem Land.

Für all jene in prekären Lebenslagen – und es werden trotz Gewinnen in der staatlichen Kasse immer mehr von ihnen – sind die Nachrichten eher schlecht. Von Vermögenssteuern bis zur Bekämpfung der Steuerflucht, von der Abschöpfung irrationaler Aktiengewinne bis zur Deckelung übertriebenen Unternehmensgewinnen und ebendiesen Managergehältern – von Martin Schulz werden solche Botschaften nur am Rande gestreift werden. Bisher ist nicht erkennbar, dass er sich glaubhaft von der Politik der SPD aus den vergangenen 10 Jahren abgrenzen will, die auch zu diesem Gefühl des „Einheitsbreis“ in Deutschland beigetragen hat. Und selbst, wenn manche Schlagworte fallen werden – ob sie umgesetzt würden, hängt auch von der nächsten Koalition ab. Sollte im linken Spektrum die Bereitschaft zu Kompromissen bestehen, wäre solch ein Modell erstmalig auf Bundesebene sicherlich ein Versuch wert. Mehr Stillstand als jetzt kann es auch kaum geben…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Die „Grünen“ und Umweltverbände rufen dazu auf, die Autos stehen zu lassen. Experten raten, einfach das „Smartphone“ öfter beiseite zu legen. Und die Vegetarier-Bewegungen setzen sich dafür ein, auf den Fleisch-Konsum zu verzichten. Die Fastenzeit im Jahr 2017 scheint ein sich gegenseitiges Überbieten in den Appellen zu sein, den unterschiedlichsten Trends zu folgen. Sieben Wochen möge man sich bitte an verschiedensten Stellen kasteien. Und der alleinige Grund für all das ist offenbar der Gedanke, sich durch ein Verzichten wohler zu fühlen. Die Psyche austricksen, indem wir mit Pseudo-Maßnahmen vorgaukeln, das zu verdecken, von dem wir wissen, dass es uns nicht gut tut – dessen Versuchung wir aber wohl nur während ein paar Tagen im Jahr mit dem Gruppendruck des gemeinsamen „Kürzertretens“ entgegnen können.

Fastenzeit ist zu einem modernen Begriff in einer Welt geworden, in der unterschiedliche Anschauungen aufeinander treffen. Seien es religiöse oder esoterische, neureligiöse oder heidnische, fernöstliche oder westliche. Jede bringt ihre Einflüsse mit hinein. Ein Cocktail aus Überzeugungen, gepaart mit guten Tipps aus der Gesundheitslobby, das ergibt eine Stimmung, in der wir glauben, dass das „Weglassen“ dieser Schlüssel zum Glück ist. Und zweifelsohne: Es hat durchaus therapeutische Züge, wenn wir uns in unserem suchtartigen Verhalten von heute darauf einlassen müssen, das Handy ein paar Stunden zur Seite zu legen, den Süßigkeiten im Küchenschrank einen Abend zu widerstehen oder die 200 Meter zum Bäcker einfach zu Fuß zu gehen.

Aber wenn wir auf die christlichen Ursprünge schauen, dann sehen wir etwas ganz Anderes: Mit dem Aschermittwoch beginnt die Leidenszeit Jesu. In Erinnerung an seine Qualen geben wir einen Stück unseres Alltages preis. Es ist nicht das Ziel, anschließend schlanker zu sein. Es ist auch nicht Aufgabe der Fastenzeit, uns in unserem „Twitter“-Verhalten zu mäßigen. Und auch nicht der Sinn dieser ganzen Sache, uns danach „besser“ zu fühlen. Entbehrung heißt, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es geht um das Existenzielle. Die Passionszeit bringt uns an unsere Grenzen. Sie macht uns bewusst, wie vergänglich wir sind. Sie hält uns den Spiegel vor, wie wehleidig wir geworden sind. Wie empfindsam wir sind, wenn wir um das Materielle zu weinen beginnen.

Sein Fahrzeug zuhause stehen zu lassen, das hat mit Fasten wenig zu tun. Ohne sich bewusst zu sein, warum wir verzichten, wird dieser scheinbare Idealismus rasch zu einer puren Farce. Dann ist er allein ein Götzendienst, für uns selbst. Wir befriedigen unser Gewissen, etwas für die Umwelt, für unsere Freizeit, vielleicht auch für unser Gewicht getan zu haben. Doch es ist gerade nicht der Narzissmus, der in der Passionszeit im Mittelpunkt stehen darf. Jesus lebte im Bewusstsein, sich für die Menschen hinzugeben. Wenn wir fasten, dann sollen wir sein Leid teilen. Wir wollen durch unser Entsagen etwas davon spüren, wie es ist, trotz Schmerzen nicht zu verzagen. Die Opferbereitschaft, die dieser Sohn Gottes mit seinem Gang durch die Hölle zeigte, soll uns nicht ermutigen, nicht Vorbild sein, aber demütig machen.

Passionszeit ohne einen Glauben ist wie diese Burg ohne ein Fundament. Das Brot ohne Butter zu essen, ohne sich dabei klar zu sein, dass dies nicht nur in der physischen, sondern auch in der geistlichen Askese geschieht, bleibt ohne wirklichen Effekt auf unser Dasein. Denn von weniger Kilos allein lebt es sich zwar leichter, aber nicht erfüllter. Und diesen „Zweck“ soll doch die Leidenszeit Christi mit sich bringen: Durch Teilhabe an seiner Geißelung, an seinem Hadern, an seiner Folter lernen wir all jene Kostbarkeit des Lebens neu kennen, die uns kein Flachbildfernseher, keine Sahnetorte und kein „Cabriolet“ bietet. Die Rückbesinnung auf die Wurzeln der Existenz, auf Gott und auf das Geschenk, das er uns mit dieser Welt gemacht hat. Die Fastenzeit lehrt uns wieder das Danken. Sie nimmt die Selbstverständlichkeit unseres Alltags von heute, der geprägt ist von Konsum, Überfluss und Gierigkeit, dem wir unreflektiert und anbetend folgen wie einer unzweifelhaften, unüberdachten und ignorierenden Beweihräucherung unserer eigenen Freiheit.

Jesus ging nicht nur den Kreuzweg, er starb nicht nur in Golgatha. Er wurde schon zuvor gedemütigt, ausgegrenzt und mit einem Joch versehen. An all diese Grausamkeit, an dieses Vorenthalten jeglicher Würde, erinnert uns die Passion Christi. Gerade jetzt, wo überall auf der Erde Menschen um ihre grundlegenden Rechte fürchten müssen, in Gefängnissen sitzen, weil sie kritisch berichten wollten, weil sie nur eine sichere Zuflucht suchten, die falsche politische Richtung vertraten, ermahnt uns diese Zeit vor Ostern an unsere eigene Integrität und die Verpflichtungen, die mit ihr einhergehen. Wir sollen eine Fertigkeit zurückerlangen, die im Egoismus des 21. Jahrhunderts so rar geworden ist: Das Mitfühlen mit unseren Nächsten. Und nicht nur das: Wir sind aufgefordert, den Mund zu öffnen, wenn die Menge kreischt und den Tod für jemanden fordert, der als „König der Juden“ für all jene steht, denen Ungerechtigkeit widerfährt.

Es ist eine platte Attitüde, die zu einer coolen Gewohnheit gewordene Fastenzeit mit inhaltsleeren Sprüchen nach Diäten, weniger Zigaretten und einem „nachhaltigen“ Leben zu füllen, ohne ihre Bedeutung zu hinterfragen. Es ist nicht die Stunde von ausgedehnter Selbstherrlichkeit. Im Gegenteil. Vielleicht sollten wir uns Kurt Ihlenfeld wieder einmal in unser Gedächtnis rufen, der mit klaren Worten formuliert hat: „Er schonte den Verräter, ließ sich als Missetäter verdammen vor Gericht, schwieg still zu allem Hohne, nahm an die Dornenkrone, die Schläge in sein Angesicht“ (EG 94,3). Wir selbst könnten nicht ertragen, welch es Unheil wir alle zusammen auf diese Welt tagtäglich verursachen. Deshalb Jesu soll es sühnen – doch wir denken nur an die Kalorien. Hat er das verdient?

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Auf den ersten Augenblick möchte man vielleicht Genugtuung gespürt haben. „Sie haben ihre gerechte Strafe bekommen“, war von Passanten zu hören, als das Urteil aus dem Berliner Strafgericht gegenüber den beiden „Rasern“ vom „Kudamm“ bekannt wurde. Wenn es nach Gefühlen geht, müssten unsere Gefängnisse aus den Nähten platzen. Denn wahrscheinlich würde jeder zweite Straftäter einen langjährigen Freiheitsentzug verbüßen. Andere müssten wahrscheinlich gar froh sein, dass ihnen nicht wieder die Todesstrafe droht. Auf Emotionen lässt sich kein Rechtsstaat gründen. „Justitia“ ist blind, sie kann den Populismus nicht wahrnehmen – und darüber bin ich froh. Denn „Gerechtigkeit“ wird es nie geben. Jede Perspektive versteht sie anders. Und die unterschiedlichen Sichtweisen werden sich kaum zu einer gemeinsamen Definierung zusammenführen lassen. Gerade für Angehörige und Freunde mag es oft schwer sein, wenn die Rechtsprechung nicht zu dem Ergebnis kommt, das man sich in seiner persönlichen Lage so erhofft hat. Dass in den meisten Fällen doch Rachegelüste hinter diesen Enttäuschungen stecken mögen, wird nur selten jemand zugeben. Und doch muss sich gerade die Justiz von diesem Gedanken befreien, dass längeres Wegsperren auch zwingend zu mehr Sicherheit und größerer Zufriedenheit in der Bevölkerung führt. Bestrafung kann nichts rückgängig machen, sie kann dazu beitragen, dem Täter eine Einsicht in seine Verantwortung näher zu bringen. Doch ist es eine Befriedigung, wenn jemand für mindestens 15 Jahre ins Gefängnis kommt, bei dem nicht nur mancher Rechtsexperte zweifelt, ob seine Schuld solch ein Ausmaß an Strafe überhaupt rechtfertigt?

Und so ist das Urteil aus Berlin in mehrerlei Hinsicht fragwürdig. Die Richter sagen zwar, man wolle kein Exempel statuieren. Und doch erhofft man sich eine abschreckende Wirkung. Warum sollen nun gerade die beiden angeklagten Männer aus diesem Fall besonders drakonisch büßen? Ja, es ist purer Wahnsinn, mit 160 Stundenkilometern über den Berliner Kurfürstendamm zu rasen. Und gerade mit ihrer Geschwindigkeit inmitten einer Stadt waren sie zweifelsohne beispielshaft unter den Rasern, die in Deutschland in der Vergangenheit Unfälle verursacht haben. Deckt aber dieser Umstand ein Urteil ab, dem der Tatbestand „Mord“ zugrunde gelegt wird? Rechtsprechung muss vergleichbar bleiben. Und sie muss den in Deutschland in allen Bereichen gültigen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wahren. Ist er tatsächlich gegeben, wenn einerseits in einem anderen Fall eines illegalen Rennens „nur“ eine Bewährungsstrafe wegen „fahrlässiger Tötung“ herauskommt, im vorliegenden dann plötzlich „lebenslänglich“ wegen Mordes? Für mein persönliches Rechtsempfinden ist das nur schwer zu begreifen. Und da ist es wieder, das Gefühl.

Deswegen sind es für mich vor allem die Fakten, die mich ringen lassen. Wie soll eine Begründung ausfallen, die das eiskalte Abstechen eines Menschen, geplant, gewollt, gezielt, mit dem letztendlichen Unfall einer nicht zu entschuldigenden Höllentat auf den Straßen der Hauptstadt auf eine Ebene stellt? Der Eventualvorsatz, den die Richter offenkundig für ihre Urteilsfindung angewandt haben, sieht zwei Voraussetzungen vor: Ja, die Täter haben bei ihrer Raserei unter den Umständen dieses individuellen Falls offenbar „billigend in Kauf“ genommen, dass durch ihr kriminelles Handeln auch Personen zu Schaden kommen. Doch gerade die zweite Bedingung wird sich unter dem für jeden Angeklagten geltenden Stichwort „in dubio pro reo“ nur schwer beweisen lassen: Waren sich die beiden jungen Männer zum Zeitpunkt ihrer Tat bewusst darüber, dass ihr Verhalten „Erfolg“ haben, also, jemanden töten, kann? Einen Mord nachzuweisen, dafür braucht es doch stichhaltige Beweise. Ob die Kette der Mutmaßungen, die die Richter anstellen müssen, um in die Köpfe der Angeklagten zum Augenblick des Tatgeschehens hinein zu blicken, ausreicht, um das Urteil auch vor dem Bundesgerichtshof aufrecht erhalten zu können?

Eines zeigt die Nachricht aus dem Gericht aber ganz deutlich: Es scheint drängender denn je eine Überprüfung der komplizierten Definition des „Mordes“ im deutschen Rechtssystem notwendig, die Frage, ob die „lebenslängliche“ Strafe auch heute noch unter dem Aspekt der Resozialisierung zeitgemäß sein kann – und ob die Politik wirklich alle Kerngedanken des Justizwesens überdacht hat, wenn sie bereits an einer Verschärfung der Gesetze für „Raserei“ ohne Opfer und Schäden arbeitet. Natürlich sind Strafen dazu gedacht, wachzurütteln und vor der Begehung von Straftaten entsprechend abzuschrecken. Doch wieder fehlt auch hier der Gedanke von Prävention, der der Politik oftmals wohl zu umständlich ist, als dass man ihn als probates Mittel in der Gesetzgebung berücksichtigt. Vorbeugung auf der einen Seite, Sühne auf der anderen Seite. Der Tenor eines Rechtsstaates, der auf solchen Pfeilern gründet, würde manchen Rufen nach immer neuer Härte sicher einige Grundlagen nehmen…

[Dennis Riehle]

Kommentar zur Debatte um die Äußerung des ehemaligen Konstanzer Oberbürgermeisters
Begrenzung der Wohnfläche pro Einwohner

Es hat schon durchaus den Geschmack von sozialistischer Planwirtschaft, wenn der frühere Oberbürgermeister von Konstanz den Gedanken in den Raum wirft, man sollte den Wohnraum pro Bürger doch begrenzen. Ob nun bei 30, 50 oder vielleicht auch 70 Quadratmeter – wie viel Platz darf ein Einwohner zum Leben einnehmen, um damit nicht dem Anderen ein trautes Heim zu versagen? Manch ein Kommunist dürfte sich über solche Ideen gefreut haben, wir machen alles gleich, damit jeder etwas vom Kuchen abbekommt. Einer schränkt sich in seinen Wünschen so ein, dass dem Gegenüber auch noch eine Unterkunft bleibt. Was irgendwie gerecht klingen will, wäre das Ende des freiheitlichen Rechtsstaates. Denn Recht gäbe es nicht mehr, keinen Streit und auch keine Demokratie. Denn alles ist entsprechend der Ressourcen genormt. Eine scheinbar friedliche Welt, in der uns das Grau aus Einheit irgendwann in den Selbstmord treibt.

Ist das liberale Gedankenmodell tangiert, wenn wir die Überlegung des OB zu Ende weiterspinnen wollen? Laut unserem verfassungsrechtlichen Ansatz endet die Freiheit des Einzelnen dort, wo sie seinen Nächsten einschränkt. Weil sich ein Wohlhabender ein Haus mit 200 Quadratmetern für sich leisten kann, aus dem man eigentlich drei oder vier Wohnungen schaffen und damit die prekäre Raumsituation von ein paar Mitbewerbern um ein wenig Stadtluft mildern könnte, sind die, die das Nachsehen hätten, in ihrer freien Willensentscheidung zum Leben in Konstanz und anderswo beschränkt. Wäre es da nicht gar notwendig, dass Grenzen gesetzt werden, dass jedem nur noch eine maximale Größe für sein Eigenheim zusteht, um auch denen noch ihre Träume erfüllen zu können, die gleichsam hierauf warten? Haben wir denn nicht alle einen Anspruch auf ein Dach über dem Kopf?

Solche Debatten führen ganz typischerweise in eine Diskussion mit Krokodilstränen. Die Tränendrüse für die „sozial Schwachen“, die eigentlich kaum etwas davon haben, wenn ihnen plötzlich jener Wohnraum zugeschrieben wird, der dem „reichen Schnösel“ abgeknapst wurde. Umverteilung einmal anders, die nicht dazu beiträgt, das Empfinden um Solidarität zu steigern. Denn sie nimmt ein wesentliches Gefühl, das mindestens genauso wichtig ist wie das Wissen darum, gleiche Rechte zu besitzen: Die freie Auswahl, nicht nur meiner Wohnung, für dich und mich – sie hat etwas mit Würde zu tun, die mir dann genommen wird, wenn mir wichtige Elemente meines Lebens plötzlich durch den Staat verordnet und eben vielleicht sogar gegen meine Selbstbestimmung oktroyiert werden.

Steht es um unsere Gesellschaft also so schlecht, dass wir derartige Vorschläge brauchen? Wir wissen um den Platzmangel in unseren Städten. Um die in die Luft schießende Miete, die auch durch Bremsen kaum noch gehalten werden kann. Und auch darum, dass die Nachfrage höher ist als das Angebot. Doch lässt sich dieses Problem damit lösen, dass wir die Selbstständigkeit nehmen, um zu beweisen, dass die öffentliche Hand es besser kann, durch das Diktieren von Vorgaben, mit denen schlussendlich so keiner wirklich zufrieden scheint? Ja, an solch einer einzelnen und kommunalen Diskussion offenbart sich die Systemfrage. Und es zeigt sich auch, dass unterschiedliche Ansätze helfen sollen, um für ein zweifelsohne drängendes Anliegen zeitnahe Antworten zu finden.

Abseits von der nicht zu bewältigenden Bürokratie, den architektonischen Anforderungen von Kastenwohnungen, die fortan quadratisch, aber wohl weniger praktisch und gut wären, und einem Stadtbild, das uns daran erinnern würde, wie Zwang Ungleiches doch gleich machen kann, vermag auch der ehemalige Oberbürgermeister wohl kaum zu überdenken, ob es nicht vielleicht eher an jahrelang falschen Akzentuierungen lag, die nun eine Not in den Städten hervorgerufen haben, welche Symptom sind, deren Ursache aber nicht in der Größe des Wohnraums liegt. Denn wir bräuchten eine Utopie von Standardwohnungen und per Marke zugewiesene Lebensfläche überhaupt nicht, würden wir uns verdeutlichen, dass die Vernachlässigung des ländlichen Raums ein Grund dafür ist, dass wir heute über derart prekäre Lagen in unseren Citys sprechen. Es liegt nicht daran, dass uns Wohnraum fehlt. Es liegt viel eher daran, dass wir in die Oberzentren strömen, weil Nahversorgung, Infrastruktur und Lebensqualität nur dort verlässlich erscheinen.

Für solch eine Entwicklung kann ein früherer Oberbürgermeister nur bedingt Verantwortung übernehmen, sind doch andere politische Ebenen gefordert, um die Attraktivität des urbanen und des schutzrechtlich als Bauland auszuweisenden doch möglichen Geländes zu forcieren, aber gleichzeitig auch bestehende Strukturen wieder neu zu beleben. Wir debattieren darum, wie wir in die Höhe bauen, die Städte immer weiter nachverdichten, aber nie, ob das uns gegebene Land in seiner Breite nicht viel mehr hergibt, als uns rudelartig auf der gleichen Stelle versammeln zu müssen. Dort, wo die Menschen abwandern, braucht es unser Eingreifen. Nicht aber in der Festlegung von Quadratmeterzahlen, die jedem nach DDR-Manier ordentlich zugeteilt werden. Eigentum verpflichtet. Damit einher geht die Aufgabe, sich und seinen eigenen Lebensstil immer wieder zu prüfen, in wie weit wir selbst etwas dazu beitragen, für möglichst viele Mitmenschen ein sinnvolles Existieren gewährleisten zu können. Dafür braucht es keinen Politiker, sondern ausschließlich mündige Bürger…

[Dennis Riehle]

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Standpunkt

Selbsthilfe. Seit Jahrzehnten ist sie Teil des Gesundheitswesens, wird heute gar als eine vierte Säule betrachtet und neben stationärer, ambulanter und der niederschwelligen Versorgung als ein Angebot gesehen, das auf die Selbstverantwortung des Einzelnen im Umgang mit Herausforderungen im Lebensalltag setzt. Bereits im Zweiten Weltkrieg gab es eine Art von „Selbsthilfegruppen“: Frauen, die um ihre Männer an der Front zitterten oder schon zu Witwen geworden waren, versammelten sich in den Häusern, um dort gemeinsam ihre Trauer und die Ängste zu teilen, sich zu ermutigen und auch Ablenkung zu finden. Spätestens in den 60er-Jahren waren es dann die stärker aufkommenden Alkoholprobleme in der Gesellschaft, die zur eigentlichen Gründung der ersten, bis heute bekannten „Selbsthilfegruppe“ führten: Bei den „Anonymen Alkoholikern“ waren es vor allem die Hinterzimmer in den Kneipen, in denen man sich traf, um nach einem ganz bestimmten Konzept die Abstinenz zu trainieren. Und diese Idee, gemeinsam an einer Krankheit, einer Lebenssituation oder einer vorübergehenden oder dauerhaften Sorge zu arbeiten, entwickelte sich in den Jahrzehnten darauf zu einem Gedanken in den Köpfen der Menschen, die in Psychotherapie, Arztbesuch oder dem Gespräch mit Freunden nicht die alleinige Möglichkeit auf eine Bewältigung ihrer Mühen gesehen haben.

Denn ersetzen sollte die Selbsthilfe nie etwas. Wenngleich die Philosophien in den einzelnen Gruppen unterschiedlich waren, sah man sich klassischerweise als eine Ergänzung zum medizinischen und therapeutischen Gesundheitswesen, um über das eigene Problem nicht nur frei und umfassender, sondern vor allem im geschützten Rahmen unter Seinesgleichen offen, vertrauensvoll und verständnisreich sprechen zu können.

Fünf Säulen tragen die Selbsthilfe bis heute, auch wenn sie sich durch Einflüsse der Digitalisierung immer weiter von ihren eigentlichen Grundsätzen entfernt. Weiterhin ist es die Anerkennung, die Menschen schätzen, wenn sie eine Gruppe aufsuchen. Die Bejahung der Person, ohne Vorurteile, sondern im Wissen, dass man jenen begegnet, die die Situation nicht aus bloßem Mitleid nachvollziehen können, sondern aus der eigenen Erfahrung heraus, wie schwer es ist, mit Ausgrenzung umgehen zu müssen, die Hürden im Leidensweg aus dem Weg zu räumen und Erfolge schlussendlich nicht wieder loszulassen. Im beste Falle gelingt die Zustimmung von Seiten der Gruppe zu einem Neuen auch empathisch. Denn das Klima der Geborgenheit trägt ganz wesentlich dazu bei, dass wir uns überhaupt öffnen, anvertrauen und damit unsererseits einen Beitrag zum Gruppengeschehen leisten können. Wenn wir uns angenommen fühlen, dann sind wir uns auch klar darüber, dass die Interessen sich gleichen. Und dass gerade deshalb auch nach außen geschwiegen wird, weil niemand will, dass Details über Höchstpersönliches in die weite Welt dringen. Dieser Schutzwall wäre wohl im anonymen Chat schon deutlich niedriger…

Und auch wenn im ersten Moment eher ein Nehmen im Vordergrund steht, das Lauschen auf die Historie aller Anderen, ehe ich selbst von mir etwas preisgebe, ist es schon genau das, was hilft. Besonders durch ein Erklären der jeweiligen Krankheitsgeschichte des Gegenübers beginnt früh der Prozess, aus gewonnenen Informationen die richtigen Schlüsse für meine ganz individuelle Situation zu ziehen. Das Erläutern, das Beschreiben und Darlegen der Erkrankung, seiner Therapieoptionen und seiner Behandlungsmöglichkeiten, der psychosozialen Auswirkungen und der niederschwelligen Unterstützungsangebote, des Umgangs und der Perspektiven mit dieser Krankheit gehört zum wesentlichen Kern einer Selbsthilfegruppe. Dabei geht es in erster Linie darum, Hintergründe zu liefern, die die Fachleute nicht bieten können, nämlich Berichte aus dem alltäglichen Umgang mit einer Krise. Nicht um eine Konkurrenz zur Fachwelt, nicht um einen Ersatz für den Arztbesuch. Sondern um eine Ergänzung die sich auf völlig anderer Ebene, nämlich der der Betroffenen untereinander, abspielt. Erfahrene Gruppenmitglieder, die schon länger mit ihrer Lage leben müssen, sind geschult im Verständnis des Problems. Durch das Zuhören der neuen Teilnehmer kann ein Gewinn für beide Seite erwachsen: Das Erzählen hilft, andere Menschen an der eigenen Geschichte teilhaben zu lassen, daraus neues Selbstbewusstsein zu entwickeln und gleichzeitig expositorisch zu verarbeiten, was in anderem Rahmen schlechter ausgesprochen werden könnte. Und die, die sich von den „alten Hasen“ unterrichten lassen, erfahren erstmals, dass es da ja noch andere Menschen gibt, die in einer ähnlichen Situation stecken wie ich. Und sicherlich erhalten sie Details, die auch keine Suchmaschine oder ein Mediziner liefern würde, weil sie keine wissenschaftlichen Erkenntnisse sind, sondern erfahrungsspezifische Besonderheiten, zwischenmenschliche Unikate, die sich so im Netz nicht finden lassen würde.

Blickt man auf weitere Aufgaben dieser „Selbsthilfeszene“, kommt man nicht umhin, zu erkennen, dass sie gerade im Bereich der seelischen Erkrankungen lange Zeit wahrlich „boomte“. Das liegt wohl an der Tatsache, dass sicher jede Herausforderung in unserem persönlichen Alltag schlussendlich auch unsere Psyche berührt. Wir müssen verarbeiten und lernen, mit einer Prüfung umzugehen, die zeitweise, manches Mal aber auch unser gesamtes Leben, an unserer Seite bleibt, und uns nicht selten provoziert, an die Grenzen bringt, uns hilflos erscheinen, hadern und gar verzweifeln lässt. Eine Reaktion der Seele ist dabei ganz selbstverständlich und etwas, was vielen Anderen auch so geht. Gerade deshalb ist es auch hier wieder das Erkennen, dass wir nicht alleine sind mit unseren Fragen, sondern sie gemeinsam diskutieren können, Wissen und Erlebnisse von verschiedenen Gleichbetroffenen als Anregung nutzen und uns zusammen Wege der Psyche in ihrem Vorgehen vor Augen führen können, wenn sie das, was wir im Augenblick durchstehen, zu verarbeiten versucht – und weshalb sie an manchen Stellen streikt. „Rezepte“, um sie wieder zu beruhigen, gibt es in der Selbsthilfegruppe sicher nicht. Aber Unterstützung beim Verstehen des großen Labyrinths unserer Tiefen, Psychoedukation, das kann sie leisten. Denn Einige sind in den Wirren schon vorangekommen und können uns davon berichten.

Und genau dieses Erzählen ist ein Teil der sich in jeder Selbsthilfegruppe durch dynamische Prozesse meist von ganz allein entwickelnden Interaktion – auch von einem Moderator angestoßen und zurückhaltend begleitet. Die Bereitschaft zur Teilhabe und Teilgabe derjenigen, die eine solche Runde aufsuchen, ist eine wesentliche Bedingung für den gemeinsamen und persönlichen Erfolg. Niemand erwartet, dass jeder Teilnehmer von Beginn an und andauernd seinen Beitrag leistet. Das alleinie Wahrnehmen kann gleichermaßen ein wichtiger Baustein für die Arbeit der Gruppe sein, verdeutlicht es doch einen hohen Konzentrationsfaktor unter den Teilnehmern, die das aufnehmen, was nicht nur gut gemeint ist, sondern ein Modell für die eigene Situation sein kann. Dabei sind es nicht nur die Geschichten des Positiven, besonders auch die Darlegungen von Rückschlägen machen das Gespräch in einer Selbsthilfegruppe so authentisch. Denn der Solidargedanke ermutigt die Gruppe, in solchen Augenblicken mit Trost, Rat und dem Verweis darauf, dass nicht nur Hoffnung nötig, sondern die Bewältigung von dunklen Tälern mit ernstgemeinten Hilfen zur Orientierung in Therapie und Behandlung, auf gesundheitsfördernde und heilende Maßnahmen aus Eigeninitiative oder als Tipp zur bloßen Alltagsbewältigung möglich ist, einzugehen.

Denn gerade diese Eigenregie ist es, zu der die Selbsthilfe letztlich anregen soll. Selbst-Hilfe als ein Entwicklungsprozess von der Solidarität unter den Betroffenen hin zur Selbstständigkeit im Umgang mit meiner persönlichen Lebenssituation. Selbsthilfe lehrt also ganz bewusst, auf den eigenen Beinen zu stehen, ohne dabei aber auf den Rückhalt vieler Unterstützungsangebote und Anregungen verzichten zu müssen, die nicht bevormunden sollen, sondern befähigen, in einem Netz von Hilfen die passenden auszusuchen und sich damit auf den Weg zu begeben, Krankheit, Behinderung oder sozialer Not mithilfe meiner und bedarfsweise auch fremder Ressourcen zu begegnen. Wie solch ein Aufbruch letztlich aussehen kann, dafür liefern diejenigen in der Selbsthilfegruppe ein Beispiel, die bereits unterwegs sind auf dem Hürdenlauf. Anhand ihrer Rückmeldungen wird es für mich durch Reflektion möglich, Parallelen für meine eigene Situation zu erkennen und aus den Errungenschaften und den Misserfolgen die Schlüsse für meine Fahrt zu ziehen. Eine bloße Übernahme der Gedanken genügt meist nicht, dazu sind die Probleme zu individuell. Doch die Ansätze gleichen sich bereits aus dem einfachen Umstand heraus, dass die Ausgangslage analog ist. Denn Erkrankungen und Krisen haben oftmals doch ähnliche Muster, sprechen nicht selten auf dieselben Therapien an und werfen meistens dabei die gleichen Fragen auf, wenn es um den Alltag, die Behandlung und die Perspektiven geht. Dass Andere es auch schaffen, das erzeugt Mut und gibt Kraft, körperliche und seelische Qualen als nicht gottgegeben anzunehmen, sondern sich ihnen zu stellen.

Doch kann Selbsthilfe in Zeiten von Wissensdatenbanken, Foren und Apps all das überhaupt noch leisten? Trauen wir ihnen mehr als einem menschlichen Gegenüber, das mir Fakten nicht nur auf den Bildschirm legt, sondern dazu auch Emotionen zeigt, auf Fragen nicht nur objektiv, sondern eben individuell eingeht und mir seine Geschichte erläutert, während Andere auf meine Stimmung reagieren und mir Feedback geben können? Es geht vor allem darum, nicht nur meine Krankheit zu verstehen, sondern das, was sie in mir auszulösen vermag, mit Anderen zu teilen. Die Gefühle, die mich belasten, wird niemand so gut verstehen wie der, der dieselbe Diagnose erhalten hat. Und niemand sonst kennt die Vorwürfe gegenüber mir selbst so genau, wie jener, der sie sich auch macht. Er fängt mich am besten auf, wenn ich neben ihm sitze, nicht vor dem Bildschirm. Daher bleibt die Selbsthilfegruppe auch heute noch das Werkzeug erster Wahl, wenn es um die ehrenamtliche Unterstützung von Menschen untereinander in gleichen Lebenslagen geht…

[Dennis Riehle]

Pressemitteilung

Voraussichtlich ab April tritt das neue Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung in Kraft. Hiervon werden zahlreiche Versicherte profitieren, unter anderem, wenn mit einer erheblichen Sehschwäche auf eine Brille angewiesen sind. Zahlen die Krankenkassen bisher nur bei einer Sehleistung mit Korrektur auf 30 Prozent, haben künftig Patienten mit einer Brechkraft ihrer Brillengläser von 6 Dioptrien Anspruch auf den Festbetrag der gesetzlichen Krankenversicherung beziehungsweise den vertraglich durch die Krankenkasse ausgehandelten Betrag. Liegt eine Hornhautkrümmung vor, wird bereit ab 4 Dioptrien gezahlt. Für Kontaktlinsten gilt eine neue Regelung der festbetraglichen Zuschüsse ab 8 Dioptrien. Eine neue Brille wird finanziell von den Kassen bei einer Minderung der Sehleistung um 0,5 Dioptrien unterstützt.

Das Gesetz garantiert zudem jedem Versicherten, dass der Leistungserbringer für Heil- oder Hilfsmittel darüber berät, welche Leistung für den Individualfall am besten geeignet ist – und in welchem Umfang die Kosten dafür von der Kranken- oder Pflegekasse übernommen werden. Zudem wird der Leistungskatalog bis 2018 erheblich überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht. Danach erfolgt auch eine strichprobenartige Kontrolle qualitativ. Eine weitere Änderung wird sein, dass zwischen den Krankenkassen und den Verbänden von Heilmittelerbringern (Ergo-, Physiotherapeuten, Logopäden etc.) „Modellverträge“ abgeschlossen werden, wonach künftig die „Blankoverordnung“ ausgestellt werden dürfen. Die Verordnung erfolgt also weiterhin durch den Arzt, die Wahl der geeigneten Leistung erfolgt jedoch durch den Heilmittelerbringer.

Um zwischen dem Ende einer Tätigkeit und dem Beginn der Arbeitslosigkeit einen Anspruch auf Krankengeld herstellen zu können, wird zudem künftig ab dem ersten Tag der Urlaubsabgeltung beziehungsweise auch der Sperrzeit die Krankenversicherungspflicht eingeführt. Für freiwillig Versicherte, die selbstständig beschäftigt sind, erfolgt überdies fortan eine Berechnung der Krankenkassenbeiträge anhand des vergangenen Einkommenssteuerbescheides. So sollen Schwankungen im Einkommen berücksichtigt werden. Erst nach Feststellung des derzeitigen Jahreseinkommens wird dann der endgültige Beitrag festgesetzt. Bei Fragen zu diesen Regelungen ist der Leiter der Sozial- und Pflegesprechstunde der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V., Dennis Riehle, über Mail (Li-Na@Riehle-Dennis.de) oder Post (Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz) zu erreichen.

[Dennis Riehle]