Pressemitteilung
Konstanzer Autor veröffentlicht sein drittes Buch, diesmal zum Zeitgeschehen

Konstanz. „Provocabo!“ – Was für den Lateiner ein unvollständiger Satz zu sein scheint, das ist für den Konstanzer Autoren Dennis Riehle die Betitelung seines dritten Buches, das soeben erschienen ist.

In einer Sammlung aus unterschiedlichen Textformen vom Leserbrief über Meinungsäußerungen, Kommentare, Zwischenrufe und freie Schreiben fasst der 32-Jährige ausgewählte Gedanken zu aktuellen Themen, oftmals auch zu solchen, die eher im Hintergrund stehen und unbeachtet sind, aus den vergangenen Jahren zusammen Sie drehen sich allesamt um Themen wie Gott und die Welt, die Politik und die Ethik, das Soziale und die Gesellschaft.

Die Besonderheit an der Auswahl der Beiträge ist der erkennbare Verlauf von Positionen, die sich mit der Zeit auch ändern können, die gleichsam aber auch von einem Roten Faden über Jahre hinweg als Fundament der eigenen Überzeugungen unabänderlich sein dürfen. Riehle gibt in seinen Beiträgen auch viele persönliche Details bekannt, die das Lesen spannend und abwechslungsreich gestalten.

Gemäß des Titels will Riehle provozieren, will er mit anstößigen Haltungen auch zu einem Diskurs herausfordern und fragen, inwieweit „Mainstream“ und populistische Äußerungen dieser Tage hingenommen werden müssen – oder ob man sich trauen darf, mit eher wenig anerkannten Standpunkten ein Pendant zu den zeitgeistigen Mehrheitsmeinungen zu setzen.

Das auf 156 Seiten übersichtlich gestaltete und angeordnete Buch soll Auftakt von wiederkehrenden Sammlungen von Textbeiträgen werden, die Riehle über die Zeit einzeln veröffentlicht hat, die in einer solchen umfassenden Ballung bisher aber nicht publiziert wurden. Sie erlauben das hintereinander Weglesen von verschiedensten Genres, humorvoll, ernst und mit wechselseitigen Bezügen.

Der Autor freut sich in seinem Nachwort auch auf den Austausch mit den Lesern und lädt zur Debatte ein. Besonders traurig fände er es, wenn sich die Menschen nicht über manche Haltung aufgeregt hätten oder keinen Anlass sehen würden, über die Veröffentlichung zu streiten, meint Riehle in seinen Gedanken, die um den Inhalt ranken.

Riehles Buch ist das mittlerweile dritte, die vorherigen hatte er zum Thema „Gebet“ und über die eigene Zwangserkrankung als autobiografisches Sachbuch bereits auf den Markt gebracht.

Hinweis:
Riehle, Dennis: „Provocabo!“ – Gedanken über Gott und die Welt, Politik und Gesellschaft. BoD. Norderstedt: 2017. ISBN: 9783744895033. Zu beziehen im Buchhandel oder auf www.bod.de, auch als „eBook“.

[Dennis Riehle]

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihnen ist eine Initiative gegen den „Christus-Treff“ zugegangen.

Zunächst: Ich bin selbst homosexuell. Und ich sehe die Arbeit der „Offensive Junger Christen“ (OJC) und des „Instituts für Jugend und Gesellschaft“ als einen wichtigen Beitrag in der Debatte darüber, wie wir Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen seelsorgerlich unterstützend zur Seite stehen können.

Als psychologischer Berater habe ich viele Kontakte zu anderen Homosexuellen, die sich nicht aufgrund von Stigmatisierung von außen, sondern allein aus der eigenen Unzufriedenheit mit ihrer sexuellen Orientierung an mich wenden. Ich hatte in der Vergangenheit zudem immer wieder Verbindung zur OJC und zum Institut. Geschadet hat es mir nicht. Und allein die Tatsache, dass ich das Anliegen, mit der eigenen sexuellen Orientierung nicht klarzukommen, nicht ausgeschlagen und als blödsinnig abgetan habe, brachte mir von Schwulen und Lesben in meiner Beratung viel Anerkennung. Denn sie haben nicht die Gesellschaft dafür verantwortlich gemacht, dass sie nicht glücklich sind mit sich, sondern sie haben erkannt, dass es schlicht ein Bedürfnis nach einer anderweitigen Orientierung ist, die ganz legitim in diesen einzelnen Fällen, die – wie alles in dieser Debatte – nicht stellvertretend stehen können für alle Homosexuelle, ersehnt wird, aus welchen Beweggründen auch immer. Das mag ab und an soziologische Gründe haben, es hat oftmals viel eher psychologische, nicht exogene, sondern endogene, die der individuellen Persönlichkeit, nicht aber dem Umstand, Heterosexualität würde als „normal“ in der Bevölkerung propagiert, entstammen.

Ich nötige niemanden, seine sexuelle Orientierung zu verändern. Viel eher ist der erste Schritt die Annahme des eigenen Ichs Persönlichkeit: Respekt vor dem eigenen Selbst. In den meisten Fällen gelingt dies durch Zuspruch, auch mit biblischen Worten, die dabei helfen können, dass wir uns als geschaffen sehen, so, wie wir sind. Und dass durch das Zutun von verschiedensten Faktoren, auch von Gottes Willen, eine Prägung entstanden ist, die zwar eine Minorität zu sein scheint, deswegen aber doch nicht „schlechter“ ist als die der Mehrheit. Und trotzdem kann es dazu kommen, dass das Hingezogensein zum anderen Geschlecht der größere Wunsch ist als die Liebe der Gleichgeschlechtlichkeit. Und wenn wir diesen Ist-Zustand als völlig unbeeinflusst von Ideologien betrachten, dann ist diese Sehnsucht ein Grund, sich einem Menschen mit Fürsorge, ohne jegliches Mitleid, sondern mit Anerkennung, Wertschätzung und sogar Lob zuzuwenden: Denn solch ein Eingeständnis bedarf heutzutage Mut.

Dass Menschen tatsächlich in die Situation kommen, eine unabänderliche Veränderung hin zur Heterosexualität zu wünschen, auch nach einer längeren Beratung, die auf den Respekt vor der eigenen sexuellen Orientierung ausgerichtet ist, das erlebe ich selten. Ich distanziere mich von „Konversionstherapien“, die mit Zwang darauf einwirken, den Betroffenen vorzugaukeln, sie könnten eine andere sexuelle Orientierung durch zwielichtige Maßnahmen erreichen, die auch von Psychotherapeuten und der Politik zurecht als gefährlich abgelehnt werden. Ich unterstütze aber die Ernsthaftigkeit, die hinter der Überlegung steht, wie wir denjenigen beiseite stehen können, die aus inneren Gründen mit sich ringen. Und dieses Optionalität rührt nicht daher, dass wir von irgendwelchen „Homo-Heilern“ Versprechen hören, die mit ihrem Wirken auf fatale Weise „abändern“ wollen, sondern aus der Erkenntnis, wonach nicht wenige Homosexuelle aus einer Wehmut, aus einem Wunsch nach dem Anderssein Rat suchen, was wir nicht kleinreden und sie damit missachten, sondern was wir würdigen sollten, indem wir glauben, dass Homosexualität abseits von Diskriminierungen zu einem Unwohlsein führen kann.

Natürlich gibt es auch unter christlichen Beratern „Scharlatane“, die mit Zwang arbeiten und eine „Umpolung“ anstreben, die absolut abzulehnen ist. Mit Maßnahmen von Austreibung oder Umwidmung erreichen wir gar nichts, wir machen viel mehr kaputt, wir handeln gegen unseren christlichen Glauben, der die Umkehr zu Jesus fordert, nicht aber die zur Heterosexualität. Denn allein eine ausufernd gelebte und praktizierte (Homo-)Sexualität kann Sünde sein, nicht aber eine homosexuelle Orientierung. Über ihr steht das Gebot der Liebe aus den Evangelien, die Gott allen zuteilwerden lässt. Wir selbst wissen, was gut und böse ist (1. Mose 3,22). Insofern brauchen wir niemanden, der uns das sagt oder uns belehren möchte.

Ich habe aus dem Miteinander mit der „OJC“ und des angeschlossenen Instituts bisher keine Botschaft erhalten, dass dort die Konversionstherapie als eine mit verschiedensten Methoden den Menschen gegen seinen Willen wandelnde Unterrichtung befürwortet wird, ohne sich dabei stets der tiefenpsychologischen Beweggründe bewusst zu werden, die zu einer Aversion, zu einer ich-dystonen Reifungskrise führen, weil wir in der Homosexualität etwas vermissen. Diese Distanz zu eigenen sexuellen Orientierung wiederum wertet diese nicht allgemein ab, es ist allein ein individuelles Bedürfnis, eine andere Vollkommenheit spüren zu wollen. Wer dieses Ansinnen aus allein ideologischen Gründen ausschlägt, der stellt sich gegen die Würde des Einzelnen, des Hilfe suchenden Homosexuellen. Im Institut werden Berichte über eine starrsinnige „Umpolung“ genauso kritisch gesehen wie in der restlichen Gesellschaft. Sie werden immer wieder besprochen und hinterfragt, um so zu Antworten zu finden, wie stattdessen jenen adäquat geholfen werden kann, die wiederum ihrerseits in der „queeren“ Szene eine nur einseitige Unterstützung erfahren, welche die tatsächlichen Sorgen und Nöte mit der eigenen sexuellen Orientierung nicht wahrnimmt, sondern sie verdrängt, statt sie ehrlich zu besprechen.

Der Kampf, der gegen die „OJC“ und das Institut geführt wird, ist ebenso weltanschaulich bedingt wie der gegen all jene, die sich unterstützend an deren Seiten stellen, wie der „Christus-Treff“ in Marburg. Das Andringen gegen Akteure setzt den Homosexuellen herab, weil sie die Feindseligkeit in den Mittelpunkt rückt, statt sich mit Hinwendung den ganz menschlichen Problemen zuzurichten, die Homosexuelle in ihrer persönlichen, vor allem seelischen und spirituellen Entwicklung haben. Das ist fahrlässig und verantwortungslos – und es ist schade, dass damit jenen geschadet wird, die eigentlich nur objektive und gleichsam emotionale Zustimmung erfahren wollen.

In diesem Sinne hoffe ich auf eine konstruktive Debatte der eingebrachten Initiative
und grüße Sie herzlich,

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Leserbrief
zur Streckensperrung am „Rastatter Tunnel“, SÜDKURIER am 14. August 2017

Wie kann es passieren, dass bei Tunnelarbeiten derart gravierende Fehler geschehen? Man kann es fast nur mit einem systematischen Versagen erklären, wenn auf einer der Hauptrouten im deutschen Bahnverkehr Gleise aufgrund einer Erdbewegung in eine Schiefstellung geraten, die nun verantwortlich ist für Schienenersatzverkehr, Umleitungen und schwere Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Das Image der „Bahn“ als zuverlässiges Transportunternehmen musste ja schon desöfteren leiden, vor allem durch Streiks. Doch nun scheint sie mehr denn je Opfer einer eigenen Politik geworden zu sein, die ihren Anfang spätestens bei „Stuttgart 21“ nahm. Ein blindes Vertrauen darauf, dass erfassbare Risiken nicht eintreten mögen – und der Glaube an den lieben Gott, dass er physikalische Gesetze außer Kraft setzen möge, damit man bei der Bahn in Ruhe seine Projekte zu Ende bauen kann.

Dass diese Naivität nicht aufgehen kann, hatte sich irgendwann doch zu offenbaren. Glücklicherweise gab es keine Personenschäden, doch dieses Ereignis muss ein Weckruf für eine viel größere Zeitbombe inmitten der baden-württembergischen Landeshauptstadt sein.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Eine Beziehung mit Geschmäckle“, FAZ vom 17. August 2017

Es hört sich fast so eingeschnappt an wie bei Donald Trump, wenn Gerhard Schröder sich nun beschwert, dass die Medien es seien, die ihm einen schlechten Ruf geben und damit Angela Merkel in die Hände spielen.

Dabei ist die von der Presse aufgegriffene Debatte legitim, denn sie gehört in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat zur Aufgabe der „vierten“ Gewalt, aufzuklären und Transparenz zu schaffen. Wer zu eng mit Russland zusammenarbeitet, scheint diese Tatsache offenbar leichtfertig zu vergessen. Und die Bundeskanzlerin von heute kann sicherlich nichts für die schwierigen Kontakte des Bundeskanzlers von gestern.

Das ist peinliche Zuschieberei von Verantwortlichkeiten in einem Wahlkampf, in dem die SPD mit nichts Anderem als solchen hilflosen Schuldzuweisungen zu gewinnen versucht. Traurig, dass wir moralisch schon auf eine Stufe mit den USA zu stehen scheinen.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Man muss aus der richtigen Fahrtrichtung kommen, um es entdecken zu können, in Wollmatingen beispielsweise, an der Einfahrt der Radolfzeller Straße von der Waldsiedlung in den Ort führend. Da wird missioniert. Und mittlerweile schon in mehreren Sprachen. Jesus ist die Erlösung, Jesus ist die Rettung, Jesus ist der einzig wahre Sohn Gottes. So, oder so ähnlich sollen die Zeilen wohl wirken, entnommen aus den Evangelien, die auf Deutsch, aber auch in Arabisch (o.a.) abgedruckt sind. Ob Matthäus und Markus damals wussten, was mit ihren Aufschrieben passieren wird? Dass damit Muslime angelockt werden sollen, um zum Christentum überzutreten? Gerade in einer Zeit, in der Menschen islamischen Glaubens ohnehin viele Nöte haben und damit anfällig sind für den Aufruf zu einer „Umkehr“? Ist das hinterlistig, was dort gespielt wird? Wenn man vorgaukelt, man sei an jemandem und seinem Glauben wahrhaft interessiert, insgemein aber nur dessen Zwangslage ausnutzend, der vielleicht Hoffnung darin setzt, eher in Deutschland als Asylsuchender anerkannt zu werden, wen auf seinen Unterlagen „Christ“ steht?

Moritz von Egidy hat es passend formulier: „Bekennen kann sich der Mensch zu allem Möglichen und ist es darum noch lange nicht, weder in der That noch im und Wesen, noch im Denken. Sein kann der Mensch nur, was er ist“. Und was der Mensch wird, das entscheidet sich nicht beim Blick aus dem Auto an das Großflächenplakat in Wollmatingen. Das Impressum ist beim Vorbeifahren schwer lesbar, aber die Machart, sie spricht für den „Christlichen Plakatdienst“, ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Heilige Schrift zu verbreiten, vor allem in Versen in großen Lettern, die jeden erreichen sollen, dieser Tage aber vor allem Muslime, die aus Sicht von manch einem Christen eben noch an den falschen Gott glauben. Judenmission betreibt man in evangelikalen Kreisen seit jeher bereits mit Nachdruck, weil man den Vätern des Christentums verdeutlichen will, dass da noch etwas kam, nach dem Alten Testament. Die eigentliche Botschaft liegt nach Ansicht dieser Gruppe der Christen im Neutestamentarischen, dort, wo Jesus Christus dann wirklich ins Spiel kommt und zum Erretter, zum Erlöser wird. Und diese frohe Kunde, sie soll nun auch die Moslems erreichen, denen so eine Geschichte von Kreuzigung bis zur Himmelfahrt eines Gottessohnes, für welchen Christen gerade nicht selten zum Heiden gehalten werden, angeblich noch immer fehlt.

Ja, ohne ihn gäbe es das Christentum nicht. Doch gäbe es ohne ihn den „christlichen“ Gott auch nicht? Jesus ist lediglich ein Teil der Trinität, die zweifelsfrei nicht vollständig wäre, wäre Jesus nicht gepeinigt worden und wieder auferstanden. Dieses Wunder, das viele Christen als die tatsächliche Erweckung sehen, auch die ihrer selbst, ragt weit über die anderer Religionen hinweg, so bezeugte es mir erst kürzlich ein Protestant, dem es vor allem darum ging, die Entsendungsworte, also die eigentliche Grundlage für christliche Mission heute, unter die Menschheit zu bringen, womit man in christlichen Kirchen bereits regelmäßig bei der Aufnahme der Kleinsten in die Gemeinschaft beginnt: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret, sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28,18ff.). Ein Aufruf, der radikal ist. Denn er fordert auf, alle Welt zum Umdenken, zur Bekehrung zum christlichen Glauben zu animieren.

Aber stimmt das auch? Ja, wenn man die Übersetzung ansieht, so passt das in den Kontext der damaligen Zeit, als die Welt kleiner war, als sie in den Köpfen der Menschen nicht derart universell und präsent war wie heute. Niemand dachte wohl nach dem ersten Hype anlässlich dieser neuen Konfession, die noch keine eigentliche Religion im Verständnis der Wissenschaften war, daran, vielleicht sogar gewaltsam jene umzustimmen, die den Erlöser Jesus nicht gesehen, nicht angenommen, nicht in ihr Leben hinein gelassen haben, an den Wahrheitsgehalt dieser Aufforderung. Es ging vor allem um die Erreichbaren, die noch nichts gehört hatten von diesem wundersamen Menschen, der Gott als Sohn auf die Erde nachgefolgt sein soll, und sich noch kein Bild machen konnten, ob ein Glaube mit oder ohne Christus denn nun besser wäre. Sie sollten beeindruckt werden, aber nicht mit der immer alten Leier, sondern, wie schon Goethe es sagte: „Man muss sein Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit wiederholen, aussprechen, was man billigt, was man verdammt; der Gegenteil lässt’s ja auch nicht daran fehlen“. So wäre es ideal, die Mission. Sich gegenseitig zu ermutigen, seine Religion wiederkehrend zu prüfen und neugierig das Andere kennenzulernen, ohne sich vorschnell überreden zu lassen statt sich erst ein eigenes Bild gemacht zu haben.

Mission sollte bis heute Überzeugungsarbeit sein, die fair abläuft. Sie sollte nicht die Hilflosigkeit derer ausnutzen, die nicht lesen oder schreiben, die eine Sprache nicht verstehen können oder gar psychisch anfällig dafür sind, von Wundererzählungen und falschen Hoffnungen getragen einen Glauben anzunehmen, den sie in seinem vollen Umfange überhaupt nicht begreifen können und schon gar nicht in einem „Crash-Kurs“ für sich in die Herzen lassen können. Denn Mission beginnt nicht auf dem Plakat an der Radolfzeller Straße, sondern im gerechten Austausch über die Erfahrungen mit der eigenen Religion, im Kopf und im Innersten. Da braucht es Begegnungen, Erzählungen und Erfahrungen. Wir können uns berichten, aber nicht um unseres eigenen Willens, sondern stets im besten Geheiß für unser Gegenüber. Ob das tatsächlich auch vorne ansteht, wenn man mit verkürzten Versen des Neuen Testaments auf Arabisch versucht, die Seelen derer zu ködern, die vielleicht heute enthusiastisch Jesus huldigen, weil sie eigentlich von der Aufnahmebereitschaft Angela Merkels überzeugt sind, statt das Christsein zu unterstützten, und morgen merken, dass dieser Glaube gar nicht dem entspricht, wovon sie eigentlich zehren können – das bleibt ungewiss.

Verantwortungslos nenne ich solch ein Vorgehen meiner Mitchristen, die aus ihrer eigenen Euphorie, die nicht selten in eine Ekstase mündet, aus dem sonntäglichen Gottesdienst in die Welt gehen, um verblendet „Gutes zu tun“. Etwas, was nichts mehr mit einem rationalen, mit einem hinterfragenden Glauben zu tun hat, wie ich ihn als selbstkritischer Christ verstehe, zu missionieren versuchen, nur, um das eigene Heil zu finden, sich profilieren zu können und Gott im Abendgebet darüber vermelden zu mögen, wie viele neue Anhänger man denn heute geworben hat – denn mehr als ein Werbeplakat ist auch das nicht, was an der Einfahrt zur Dettinger Straße hängt. Auf dem Weg der guten Leistungen, die dann ins Paradies führen mögen, beweihräuchern wir uns, wie wir uns um den Fortbestand des Christseins verdient gemacht haben, das so zwar quantitativ, aber nicht qualitativ wächst. Solche Vorstellungen sind mittelalterlich, aber gerade in evangelischen Kreisen noch heute als Lehre anerkannt, in denen es nicht nur konservativ zugeht, sondern in denen sich das Menschsein vor allem an den Erfolgen messen lässt, die man auf seinem persönlichen Punktekonto als „Vorzeigechrist“ verbuchen kann. Mission ist dabei besonders beliebt, weil man nicht selten Nichtsahnenden „Storys vom Pferd“ erzählen kann, die nämlich deshalb keinen Glaubensinhalt haben, da man sie nicht nur als die eigene, sondern als die Überzeugung des Gegenübers in dessen Mund legt. Für mich sind Praktiken wie solch recht perfide, Mission nur im besten Sinne als gemeinsames Ringen um eine religiöse Weltanschauung legitim.

Und ehe mich nun wieder böse Briefe erreichen: Nein, nicht alle (!) Missionare sind so eingestellt, nicht jede (!) Mission verwerflich. Und doch muss es im Sinne derer liegen, die eine ernstliche Arbeit betreiben wollen, sich zu unterscheiden und zu distanzieren von plumpen Maßnahmen, über die auf einfachem Wege Menschen zum christlichen Glauben geführt werden sollen, die im Moment Anderes nötig hätten: Bedingungslose Zuwendung, abseits von jeder Religion…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Ist es Ihnen auch aufgefallen? „Bündnis 90/Die Grünen“, sie wollen „die Schöpfung bewahren“. Als ich dieser Tage erstmals bewusst auf die Wahlplakate blickte, da staunte ich doch nicht schlecht. Hatte man jemals eine so klare Koalitionsaussage bereits Wochen vor der Bundestagswahl gelesen? Und dann auch noch am Straßenrand, an den Laternenmasten? Nein, natürlich muss niemand, der von „Schöpfung“ spricht, zur Union gehören – oder sie gar wählen. Wenngleich die Begrifflichkeit doch überaus biblisch anmuten lässt, haben Christen, haben Menschen mit religiösem Bekenntnis an einen deistischen Gott, sie nicht gepachtet. Aber warum muss man ausgerechnet mit solch einer konnotativen Aussage in die Wahlschlacht ziehen? Das Wort, die Formulierung wurde nicht zufällig gewählt. Klar, es ist etwas schwierig, sie anders auszudrücken. „Das Zwischenergebnis einer evolutionsbedingten Entwicklung des Universums vor den Menschenaffen zu schützen“, das wäre doch etwas zu kompliziert. Und gleichsam hat es eine überaus politische Dimension, wenn die „Grünen“ den Duktus christlicher Wortwahl übernehmen.

Bahnt sich da also doch eine Liaison aus Grün und Schwarz an? Wird Deutschland zur Kiwi-Republik? Ehrlicherweise muss man sagen: Die Optionen für die Partei sind nicht sonderlich groß. Rot-Grün ist in weiter Ferne. Und von einem Linksbündnis war man bei den „Grünen“ noch nie wirklich überzeugt, nicht mit Cem Özdemir, nicht mit Katrin Göring-Eckardt, nicht mit Boris Palmer. Was bleibt ist der Zusammenschluss mit CDU und CSU. Dass solch eine Konstellation von Bayern aus noch weitgehend ausgeschlossen wird, muss nichts bedeuten. Denn man weiß, dass die wichtigste Akteurin, Angela Merkel, sich nicht nur gut mit Winfried Kretschmann versteht, sondern sich auch eine gemeinsame Politik aus wirtschaftlichem Fortschritt unter ökologischer Innovation wünschen würde. Und neben dem Thema „Umwelt“ prägt die „Grünen“ momentan ohnehin nicht viel. Die „Grundrechte“ haben sie schon an der Garderobe in Stuttgart abgegeben, beim Verkehr braucht es sie nicht einmal, um die Technologien von morgen in Gang zu setzen. Die wollen die Christdemokraten ohnehin – wenngleich vielleicht nicht so schnell wie ein Anton Hofreiter.

Ein insgeheimes Liebesangebot schon vor der Wahl? Die „Grünen“ gehen offenkundig auf Brautschau, ohne mit den Wimpern zu zucken. Glaubwürdig ist das kaum, denkt man doch daran, wie unabhängig man immer sein wollte, seine eigenen Inhalte nicht verraten möchte und stattdessen für die „grüne“ Sache kämpfen will. Vielleicht hat man gemerkt, dass es damit allein nicht ausreicht, um an die Macht zu kommen. Ich bin Christ – und ich begrüße die Botschaft ausdrücklich. Doch nicht für den Wahlkampf. Sie ist unkonkret, sie ist schwammig, sie gehört in eine Predigt, nicht aber unter das Gesicht des durchaus engagierten Martin Schmeding hier im Wahlkreis, der sich zwar gut vor der Weltkugel macht, der doch aber sicher mehr zu bieten hätte als eine Fürbitte. Denn wie würde das erst, wenn man einen dritten Partner bräuchte? Mit der SPD scheint momentan niemand zu wollen, zu wechselhaft sind die Aussagen ihres Spitzenkandidaten über „die“ Gerechtigkeit, bei der man letztlich nicht weiß, ob sie im Ergebnis oder in der Leistung Ausgeglichenheit schaffen soll. Schulz hat sich offenbar nicht festgelegt und macht nur mit einzelnen Forderungen auf sich aufmerksam, statt ein Programm vorzustellen, das die Ideen miteinander verbindet und ihnen eine verständliche Grundlage mit Substanz gibt. Deshalb bleibt die „Ampel“ ohnehin kein Thema, das auf der Agenda stünde.

Und „Jamaica“? Es bräuchte die FDP, die sich eigentlich humanistisch gibt – und deshalb nicht viel halten dürfte von Bibelzitaten im und nach dem Wahlkampf. Doch sie hat auch bei den vergangenen Abstimmungen deutlich gemacht, dass man eigentlich nichts gegen die christlichen Kirchen habe, im Gegenteil, man ihr viele der bestehenden Privilegien lassen wolle. Bei den Freiheitsrechten könnte man es sicher gut mit den „Grünen“, vertritt man doch ähnliche Ziele, weniger aber in der Wirtschaftspolitik. Obwohl wir ja alle Anhänger der Marktwirtschaft sind, so unterscheidet man doch zwischen neoliberalen und sozialen Ansätzen, einigt sich schlussendlich aber wieder auf einen Kompromiss, den alle Seiten mittragen könnten, wenn es doch nur darum geht, mitschwätzen zu dürfen. Und der „German Mut“, na ja, bei den „Grünen“ tatsächlich eher die „German Angst“, Angst vor giftigen Eiern, zu viel Fleisch bei der Ernährung, Furcht vor Diesel und Plastik in den Weltmeeren. Natürlich sind das wichtige Themen, doch ziehen sie in einem Bundestagswahlkampf? Bei der FDP zieht vor allem er: Christian Lindner. Auf den Wahlplakaten wirkt er nachdenklich, vielleicht gar melancholisch, als ob man etwas gelernt hätte in den vier Jahren der Abstinenz. Wirklich neu ist bei den Liberalen aber nichts. Die Steuererklärung soll weiterhin auf den Bierdeckel passen, Arbeit muss sich noch immer lohnen – und Bildung macht uns alle zu Siegern, völlig ausgeblendet, dass das Leben ja auch noch Schicksale schreibt, die wir nicht einplanen können.

Die CDU selbst weiß jetzt schon, dass sie an der kommenden Regierung beteiligt sein dürfte. Weshalb sollte man sich dann auch anstrengen. Wie wir Angela Merkel kennen, so kennen wir auch Andreas Jung, der den Wahlkreis seit jeher rege vertritt und sich deshalb darauf besinnt, ähnlich wie „seine“ Kanzlerin auf das Image des „alten Hasen“ zu setzen, bei dem ein lächelndes Foto genügt, um den Wähler mitzunehmen. Einzig DIE LINKE gibt sich etwas mehr Mühe, wenn es darum geht, auch Sachaussagen auf die Plakate zu bringen. Sie will die Kinder würdigen, Eltern entlasten, bezahlbaren Wohnraum schaffen – leider fehlt dabei die Kernaussage der Umverteilung, die bei linker Klientel gut ankäme, ja, wenn da nicht interne Diskussionen wären, die nun wohl auch gezielt das Thema von „Hartz IV“ in der Wahlkampagne außen vor ließen, weil es in Zeiten großen Wohlstandes nicht mehr ziehen dürfte. Obwohl Katja Kipping dieser Tage neuerlich wettert, dass die Sanktionen gegen Arbeitslosengeld II-Empfänger auf einem neuen Hoch angekommen sind, liest man nichts davon im Wahlkampf. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern auch fahrlässig. Führt es doch dazu, dass Parteien ganz weit links stärker denn je in die Wahlauseinandersetzung mit eingreifen. Die Revolution wollen sie legitimieren, ob nun mit oder ohne Abschaffung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und Proteste will man bei der „Internationalistischen Liste“, bei MLPD und anderen ebenso fördern – was angesichts der Bilder aus Hamburg ein bisschen zynisch klingt. Dass unter den vielen Plakaten dieser Wahlkämpfer auch recht ordentliche Forderungen zu finden sind, geht ob solcher Standpunkte aber unter.

Und nun bin ich wieder beim anfänglichen Satz der „Grünen“, den wir doch so wohl alle unterstützen könnten. „Die Schöpfung bewahren“, da muss sich nicht einmal ein Atheist verbiegen, um festzustellen, dass ein derartiges Anliegen richtig ist. Und genau das ist das Problem: Wieder sind wir in einem Wahlkampf ohne Ecken und Kanten. Wieder können wir das Quiz spielen, welche Aussage von welcher Partei stammt – und wir alle hätten irgendwie recht. Was ist das für ein Einheitsbrei, in dem der Wähler zurückgelassen wird mit einer Entscheidung ohne jegliche Argumente, ein Wahlkampf, in dem wir uns alle lieb haben, vielleicht noch die Friedenspfeife von Margot Käßmann miteinander rauchen und schlussendlich Barmherzigkeit leben, in der Hoffnung, dass das genügen möge, für weitere vier Jahre Stillstand, eine vertane Chance. Ein Urnengang ohne Überzeugungen. Und das schon zum mindestens vierten Mal…

[Dennis Riehle]

Gedankenimpuls zum „Wort zum Sonntag“ des 12.08.2017

Immer, wenn ich etwas von Sternen höre, da fühle ich eine Atmosphäre, die Matthias Claudius in seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ beschreibt. Sie erinnert mich an meine Kindheit – und ja, auch dort ist der Ursprung dieser Wünsche, die wir gen Himmel schicken, wenn wir die „Sternlein“ herabfallen sehen und in die Weite die Hoffnung schicken, dass große und kleine Erwartungen Wirklichkeit werden.

Wie viele von uns sind im Erwachsenenalter diese „eitlen“ und „armen Sünder“, die nur „Luftgespinste spinnen“, wie es Claudius in 482,4 EG formuliert. Wir haschen nämlich diesen übermächtigen Träumen nach, die uns wegbringen „von dem Ziel“, das laut des Liedmachers Gott ist. Eigentlich wissen wir darum, was gut und böse ist. 1. Mose 3,22 macht diese Fähigkeit deutlich – und doch werden wir gierig mit der Zeit, entfernen von uns dem, was wir als Kinder an so ehrlichen Wünschen gedacht haben, als die Sternschnuppe den Himmel entlang gezogen ist. Gesundheit für die Mama, mehr Zeit für den Papa, dass die Oma besser laufen kann.

Und heute? Da bestaunen wir nicht einmal mehr den Sternenhimmel. Wir warten nicht, bis der Mond aufgegangen ist. Sondern wir hasten den ganzen Tag nach diesen überheblichen Anforderungen, die wir nicht selten auch Gott gegenüber zum Ausdruck bringen. Mehr Wohlstand, mehr finanziellen Rückhalt, eine größere Wohnung. Es sind die materiellen Dinge, nicht die existenziellen, die uns prägen und die wir vom Allmächtigen erbitten.

Zwar lebt der Mensch nicht vom Brot allein. Aber eben auch nicht von seiner eigens entwickelten Ungläubigkeit, denn wir wissen, dass die Sehnsucht nach dem Mehr ein Trieb unseres heutigen Zeitgeistes ist. Nicht ihn zu befriedigen, sondern mit einem reinen Herzen am Fenster zu stehen und uns zu fragen: Was brauchen wir wirklich? Glaube segnet uns dann, wenn er ernstlich gelebt wird. Mit einer kindlichen Naivität, die uns nicht „gescheit werden“ lässt, sondern bewahrt vor diesem Abgehobensein unserer Gegenwart.

An den Sternschnuppen macht sich offenbar, ob wir wirklich glauben – oder ob wir den Glauben missbrauchen, um unsere Unrast zu stillen. Sie nimmt uns unsere Gelassenheit, unser Vertrauen darauf, dass Gott es richten wird. Auch den Wunsch, den wir in den Himmel schreiben, wenn die Gestirne zu uns hinabkommen. Wenn der Schweif zum Zeichen wird, dass Gott sich unserer tatsächlichen Nöte annimmt und nicht zum Stellvertreter für unsere Daseinsvorsorge wird. Wir sollten nicht zu lange überlegen, was wir uns erbitten. Im Gebet werfen wir unsere Gedanken vor Gott. Spontan ist es meist am aufrichtigsten. Und das wünsche ich uns auch, wenn die nächsten Stürme von Sternschnuppen die Dämmerung erleuchten, die Claudius sieht.

Geheimnisvoll wie die Sterne, so steht der Mond am Himmel. Für beide gelten die Worte des Liedschreibers: „So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehen“ (Str. 3). Das ist Glaube, das ist Hoffnung und Trost, egal, womit wir uns vor die Gestirne stellen, die Gott dort platziert hat. Als ein Werkzeug, um ihn erlebbar zu machen. Und ihn im Sinne des Heiligen Geistes erfahrbar werden zu lassen. Öffnen wir unsere Herzen, „wie Kinder fromm und fröhlich“ (Str. 5), blicken wir nach oben und wenden uns ihm zu – auch, aber nicht nur, wenn die nächste Sternschnuppe fällt.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Pressemitteilung

Die Sozial- und Pflegesprechstunde der Litzelstetter Nachbarschaftshilfe e.V. hat ein neues Informationsblatt veröffentlicht, auf welchem sie zehn beratende Tipps für Angehörige gibt, die Menschen mit altersbedingten Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit pflegen oder betreuen.

Der reguläre Altersprozess, aber auch gerontologische (also Krankheiten aller Art, die bei jüngeren wie älteren Menschen gleichermaßen auftreten, aber im Alter zu besonderen Herausforderungen führen, z.B. Depression) und geriatrische (Krankheiten des Alters, z.B. Demenz) Erkrankungen sind dafür verantwortlich, dass wir uns in der späteren Lebensphase körperlich wie geistig, psychisch, emotional und sozial verändern. Gerade für unsere Bezugspersonen ist dieser Wandel der Persönlichkeit eine große Hürde in der Betreuung und im Umgang mit den Betroffenen. Dabei helfen oftmals einfache Ratschläge, um sein Verhalten anzupassen.

Deshalb hat der Leiter der Sprechstunde, Dennis Riehle, zehn Ratschläge zusammengefasst, die die Kommunikation, aber auch die Steuerung von Emotionalität, das Reagieren auf Eigenarten des Betroffenen und das Verständnis von Veränderung der Persönlichkeit und des Wesens des Gegenübers betreffen. Damit soll Unterstützung geleistet werden, sich als Angehöriger in der schwierigen Aufgabe der Annahme seines Nächsten nicht alleine gelassen zu fühlen.

Das kostenlose Informationsblatt kann postalisch oder elektronisch angefordert werden: Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz, Tel.: 07531/955401 (AB), Mail: Li-Na@Riehle-Dennis.de.

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Sind Hamburgs Richter überhart gegen die G20-Gefangenen“, WELT vom 09. August 2017

Das „allgemeine Rechtsverständnis“, das Richter immer wieder für die Begründung ihrer Urteile zurate ziehen, würde auf die Frage sicherlich mit „Nein“ antworten. Nein, natürlich sind die Hamburger Juristen nicht zu harsch im Umgang mit den Randalierern, mit den Kriminellen und den Gewalttätigen der Proteste am G20-Gipfel.

Denn sie müssen, wie wir es regelmäßig in solchen Situationen hören, die „volle Härte des Gesetzes“ zu spüren bekommen. Doch passt diese Idee, sich auch nach der Meinung der breiten Bevölkerung zu richten, nicht so recht zur blinden Justitia, die sich eben nicht beeinflussen lässt von Populismus und den Stammtisch-Parolen jener, die fordern, ohne die Konsequenzen ihrer oftmals unüberdachten Äußerungen zu erfassen.

Denn auch wenn Urteile bei uns „im Namen des Volkes“ gesprochen werden, heißt das nicht, dass sie geleitet sein dürfen von der Seele derjenigen, die ohnehin im Innern kocht ob Unzufriedenheit mit dem Staat, aus persönlichen Nöten in Existenz oder Finanzen, aus Verdrossenheit über Politik und alles, was von „da oben“ kommt.

Urteile müssen vertretbar sein, insbesondere gegenüber dem eigenen Gewissen, das gilt auch für Richter. Und sie sind nicht dazu da, die Gier nach Rache aus der kreischenden Menge zu befriedigen. Wäre es so, hätte es etwas von der Verurteilung Jesu, wäre mittelalterlich. Damit will sich Hamburg, wollen sich die Richtenden dort doch nicht schmücken, oder?

[Dennis Riehle]

Leserbrief zu
„Spaghetti-Monster – Kirche scheitert vor Gericht“, „stern“ 32/2017

Ich selbst war Atheist, aber heute bin ich in die evangelische Kirche zurückgekehrt. Unter anderem auch wegen Aktionen wie die des „Fliegenden Spaghetti-Monsters“. Säkulare machen sich nicht selten lustig über die Religion, vor allem auch über den persönlichen Glauben des Einzelnen, der aus meiner Sicht unantastbar ist.

Natürlich könnte man argumentieren, dass auch die Überzeugung an solch eine Eigenkreation der „Pastafaris“ einem Gott in Nichts nachstünde, sind sie doch beide nicht belegbar. Und doch gibt es laut Oberlandesgericht Brandenburg nun eine verbindliche Messlatte: Es muss etwas Göttliches sein, das eine Religionsgemeinschaft ausmacht.

Und ich finde das richtig so. Denn mit irdischem Geplänkel hat der Glaube an eine höhere Macht im Sinne einer spirituellen Tiefgründigkeit und einer eigenen Lehre, die nicht nur satirisch von einer real existierenden Glaubensgruppierung abgeschrieben wurde, nichts zu tun. Man muss schon mehr vorweisen, um in den Genuss staatlicher Rechte zu kommen, als ein paar Buchstaben zu vertauschen und an die Stelle eines Gottes ein Nudelgesicht zu setzen.

Eine Veralberung des Gottesglaubens ist zwar mit der Meinungs- und Gewissensfreiheit vereinbar, den Status einer Religion kann sie aber solange nicht erreichen, wie es an substantiellen Inhalten fehlt, die schützenswert sind. Und ob der freitägliche Genuss der Bolognese-Soße ein anerkennenswertes Gut ist, bleibt mindestens ebenso fraglich wie das Wunder, nach Genuss von Hochprozentigem eine himmlische Ekstase zu erleben.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.