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Zwischenruf
„Von der Freiheit eines Christenmenschen“, sich Gott wieder neu zuzuwenden…

Ein Morgen im Dezember 2012. Nach monatelangem, jahrelangem Ringen hatte ich mich entschieden. Nein, mir fiel das nicht leicht. Im Gegenteil, es war eine der schwierigsten Entscheidungen meines bisherigen Lebens. Denn die Kirche war mir nicht egal. Über Jahre war sie wie eine Art „Zuhause“. Da musizierte ich, da gestaltete ich Jugendarbeit, da bereitete ich Gottesdienste vor und half überall dort, wo es nötig war, um das Leben „meiner“ Gemeinde zu bereichern. Und nicht zuletzt war es auch der langgehegte Traum, Theologie zu studieren, Pfarrer zu werden, der mich neben meinem schon seit Kindertagen so prägenden Gottesglauben an die Kirche band, nicht unkritisch, aber stets mit großem Wohlwollen. Doch wir hatten uns auseinander gelebt. Da gab es zwischenmenschliche Enttäuschungen, alltägliche, aber gleichsam verletzende Reibereien. Und eben auch dieses Gefühl, dass die christliche Botschaft mich nicht mehr tragen würde in Augenblicken, in denen ich so intensiv auf sich zu vertrauen versuchte.

Nein, wenn ich einmal aus der Kirche austreten sollte, dann musste das einen triftigen Grund haben. Nicht die Kirchensteuer, wie heute leider so oft. Entscheidend waren Begegnungen, emotionale Irritation bei Themen zu seelischer Gesundheit oder sexueller Orientierung – und wesentlich: dass ich das Glaubensbekenntnis nicht mehr mitsprechen konnte. Ein Verein, dessen Satzung ich nicht mehr teile, kann ich dort noch dazugehören? Zunächst dachte ich, nachdem ich die Bescheinigung über meinen Austritt vor dem Standesamt in meinen Händen hielt, es könnte doch überhastet gewesen sein. Denn immerhin ging es ganz schnell. Wenige Minuten als Bruch für eine lange Verbundenheit. Letztlich folgte eine fünfjährige Abstinenz. Und diese Zeit war wichtig. Denn sie war eine Zäsur, in der ich Raum hatte, völlig andere Perspektiven kennenzulernen, die mich erschreckt, aber gleichsam herausgefordert haben, meine Sichtweisen und Emotionen zu reflektieren, nach Heimat zu suchen. Unter Atheisten, als Sprecher der „Humanistischen Alternative Bodensee“, lernte ich deren Absolutheitsanspruch kennen, eine Abgrenzung zu jeder Form von Kirche und Religion, ein evolutionäres Denken in seiner Radikalität – und auch das Lächerlichmachen des Glaubens eines Einzelnen. Eine unerträgliche Erfahrung, denn die Integrität des Gewissens, sie ist unantastbar – und sie wird nur dort gewahrt, wo Toleranz gelebt wird. Und das hatte ich in der Kirche kennenlernen dürfen, mit Abstrichen, aber das ist menschlich. Und diese Erkenntnis, sie offenbarte mir, mich in einer Zeit des Innehaltens nochmals zu positionieren. In ihr erlebte ich, wie wichtig es ist, seinen Glauben manches Mal auf den Kopf zu stellen. Nein, ich ermutige niemanden, aus der Kirche auszutreten, um diese Erfahrung zu machen. Für mich persönlich war dieser Abstand aber im Nachhinein wichtig, um einerseits die eigenen Überzeugungen zu prüfen, um andererseits aber auch die Verwundungen zu verarbeiten. Um Frieden für sich zu schaffen und mit einem Neuanfang zu starten, dafür sind Vergebung, aber auch Buße nötig. „Seid voller Güte und Freundlichkeit gegeneinander, vergebt euch gegenseitig, wie ja Gott in Christus auch euch vergeben hat“ (Epheser 4:32).

Und wie war es mit dem Glauben? Nicht nur mich treibt die „Theodizée“-Frage um, die Frage des „Warums“. Sie ist wohl die bedeutendste, wenn es darum geht, an seinen Überzeugungen nicht zu verzweifeln. Wieso gibt es Leid? Weil es uns stärker macht. Diese Erkenntnis war für mich prägend, sie beantwortete aber nicht, warum all das so ungerecht verteilt ist. Prangern wir Gott dafür an, dann sind wir ob seiner Allmacht überzeugt. Dann hängen wir einem Theismus an, der Gott bevormundet. Unser oftmals so hilfreiches kindliches Vertrauen in Gott, dass er uns auf jeglichem Schritt begleiten möge und vor allem all das wahr macht, was wir uns von ihm erhoffen, das verträgt sich nicht mit einem Bild, das die Bibel schon ganz weit vorne von uns Menschen zeichnet. Wir selbst sind in der Lage, zwischen „gut“ und „böse“ zu unterscheiden (1. Mose 3:22). Wir sind geschaffen als solche Wesen, die Verantwortung übernehmen können. Und die für ihr Handeln auch selbige tragen müssen. Das heißt nicht, dass Gott uns alleine lassen würde. Doch er offenbart sich eben nicht dort, wo wir es uns gerade wünschen. Nicht, weil er uns ärgern möchte, sondern weil er uns liebt. Denn mündige Menschen zu schaffen, davon bin ich heute mehr denn je überzeugt, war sein Ziel. Er ist immer bei uns, doch sind es die besten Eltern, die ihre Kindern nie aus den Augen lassen? Ich bin sensibler geworden für das, was Gott uns schenkt. Nicht den Prüfungsabschluss, auf den wir nicht gelernt haben. Auch nicht den teuren Diamanten, den wir uns doch eigentlich sehnlich verdient haben. Und eben auch nicht die Bewahrung vor Krankheit, Arbeitslosigkeit, Gewalt. Viel eher den Freund, den er uns an die Seite stellt, um wieder auf die Beine zu kommen. Die Genesungskarte, die uns ein Kollege schreibt, wenn wir daniederliegen, die rettende Hand inmitten der Trümmer, die Pfütze in der kargen Wüste oder ein Sonnenstrahl im Trübsal einer Depression.

Es sind die kleinen und so unscheinbaren Momente: Ich saß zwischen mehreren operierten Mitpatienten, die Sitzbänke um einen Teich gereiht. Allsamt mit hängenden Köpfen und großer Traurigkeit ob der persönlichen Situation. Auf dem Wasser schwamm plötzlich eine Entenfamilie, stieg gemächlich empor und schritt mit den Kindern einen Hadernden nach dem nächsten ab. Es war kein großes Zeichen, manch ein Beobachter würde mich auch für töricht erklären, darin eine Handreichung Gottes zu sehen. Doch als sich plötzlich ein Lächeln über die gelegt hatte, die noch zuvor in Mühsal versanken, da wurde mir ein Stück weit klarer, dass ich mir ein neues Gottesbild entwickelt hatte, „denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen“ (2. Korinther 5:7). Und vielleicht braucht es dazu auch etwas mehr Weitsicht mit uns. Allzu arg setzte ich mich doch unter Druck, als ich zweifelte an der leiblichen Auferstehung, an der Jungfräulichkeit Marias oder der Passionsgeschichte. Dazu sind wir Protestanten, um auch zuzulassen, dass wir mit einer Unglaubwürdigkeit davorstehen. Und nein, Evangelischsein heißt nicht, den Glauben einer liberalen Exegese zu opfern, sich Überzeugungen so lange zurecht rücken zu wollen, bis sie passen. Aber es bedeutet, Pluralismus in den Deutungen biblischer Geschichten und kirchlicher Lehren zuzulassen.

Ein Wiedereintritt wäre nicht möglich gewesen ohne die Sehnsucht nach der Kirche. Einen Kurs als Laienprediger hatte ich absolviert, gleichsam in der Seelsorge. Und die Leidenschaft, mit Menschen zu debattieren und gleichzeitig Not und Dank, Bitte und Hoffnung auszudrücken und das Gefühl eines gemeinsamen Bekenntnisses zu teilen, das zieht zurück in das Miteinander. Das Provozieren mit der Frage, ob die Religion nun wirklich nur „Opium des“ oder „für das Volk“ ist – oder eben doch die Liebe zu einem „Mehr“. Mehr als Atome und Moleküle, mehr als Zufälle und Schicksale. Und ein Gefühl von Geborgenheit und Erfüllung, von Rückhalt und Zuversicht. Solche theologischen Komplexe diskutiert man am besten dort, wo auch Andere daran interessiert sind. Das Erleben von Gottes Gegenwart, es gelingt am ehesten in der Gemeinschaft. Ganz unaufgeregt, sondern im Blick auf Prediger 4,6: „Eine Hand voll Gelassenheit ist besser als zwei Hände voll Mühe und Jagd nach Wind“. Und was gebe ich der Kirche aus meinen Erfahrungen mit: Etwas mehr Respekt vor der Integrität des Einzelnen mit seinen Facetten, mit seinen Defiziten und mit seinen Eigenarten, die frühzeitige Bereitschaft zum Dialog bei Glaubenskrisen und Wunden in unserem gegenseitigen, besonders aber im zwischenmenschlichen Vertrauen, Feinfühligkeit für die Lebenssituation des Einzelnen und die Offenheit, bei Zweifeln und den Unsicherheiten, die sich im Christsein wie in jeder anderen Religion im Alltag stellen werden, den vieldeutigen Blick auf Bibel und Überzeugungen der klerikalen Lehre zu würdigen.

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Ministerpräsident Kretschmann ist ein engagierter und überzeugter Christ. Wiederholt bekannte er sich zu seinem Glauben, machte seine Nähe zu den Kirchen auch in seinem politischen Handeln deutlich, als er ihre Vertreter zu hochrangigen Begegnungen einlud und ihre Rechte und Meinungen besonders hervorhob. Nicht unkritisch wurden seine wohlwollenden Worte, aber auch die oftmals einseitig wertschätzenden Gespräche mit den Konfessionen wahrgenommen, die verdeutlichten, dass dem baden-württembergischen „Landesvater“ das enge Miteinander mit den Kirchen wichtig ist.

So wichtig, dass Religion mittlerweile auch in den offiziellen Newsletter der Landesregierung gehört? Am 30.05.2017 titelte dieser nämlich: „Jesus moralisiert nicht“ – und bezog sich damit auf eine Bibelarbeit, die Kretschmann auf dem Evangelischen Kirchentag angeboten hatte. Mit dem Gleichnis des Zöllners, der auf dem Maulbeerbaum darum bat, vom Wanderprediger gesehen zu werden, mit einem Text der Gegensätze aus dem Lukas-Evangelium, damit beschäftigte sich diese Runde – und der Ministerpräsident zog dabei Parallelen von Zachäus zu seiner heutigen Politik.

Recht unkritisch scheint der „grüne“ Politiker zu agieren, wenn er die ohnehin so angespannte Diskussion um die Verquickung der öffentlichen Hand mit dem großen Kirchenevent noch dadurch anheizt, dass nicht nur Steuergelder fließen, Grußworte von Kanzlern, Ministern und Landeschefs gesprochen werden, sondern sich letztere auch ganz ungeniert in die inhaltliche Arbeit einbringen – so, als gäbe es keine weltanschauliche Neutralität für Staatsträger in diesem Land. Doch vielleicht gibt es sie auch gar nicht. Zwar wissen wir um den Umstand, dass keine Staatskirche zugelassen ist (Art. 140 GG). Aber bedeutet dies auch, dass sich die Politik aus kirchlichem, aus allem religiösem Wirken heraushalten muss, dass Amtsträger ihre Unabhängigkeit über die Glaubensfreiheit, also auch die Freiheit der Anderen, nicht zu glauben, stellen müssen?

Das Bundesverfassungsgericht entschied 2015: „Das Gebot staatlicher Neutralität in religiös-weltanschaulicher Hinsicht [hat] nicht zur Konsequenz, dass aus […] allen staatlich gestalteten Lebensbereichen das religiöse Moment verdrängt [wird]. Ein derartiges laizistisches Verständnis dieses Gebots [ist] nicht wirklich neutral, sondern würde eine laizistische Weltanschauung besonders betonen“ (1 BvR 458/10 vom 27.10.2016). Das Gericht knüpfte damit an die Rechtsprechung aus dem Jahr 2003 an, in der es noch klarer formuliert hat: „Die dem Staat vom Grundgesetz auferlegte Pflicht zu weltanschaulich-religiöser Neutralität [ist] keine distanzierende, abweisende im Sinne der laizistischen Nichtidentifikation mit Religionen und Weltanschauungen […]“ (2 BvR 1436/02 vom 24. September 2003).

Der Newsletter verlinkt auf die Seite des Staatsministeriums (http://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/bibelarbeit-jesus-sieht-zachaeus/), auf dem der Text der Bibelarbeit abgedruckt ist. Kretschmann erarbeitet Standpunkte, die man eigentlich in einer Predigt vermuten würde. Es war schon irritierend zu sehen, wie SPD-Kanzlerkandidat Schulz auf der Kanzel stand, hinter ihm die Osterkerze, um ihn herum der kirchliche Wandbehang. Statt einer Säkularisierung scheint die Grenzziehung zwischen dem religiösen Agieren der Glaubensgemeinschaften und der öffentlichen Arbeit der Politik, sich unvoreingenommen um die Belange aller Menschen zu bemühen, immer weiter zu verschwinden. Verstörend wirkt es, wenn sich Politiker plötzlich als Priester auszugeben versuchen und letzteren die Aufgabe abnehmen, Bibeltexte auszulegen.

Benötige ich die Metapher des Feigenbaums aus der Bibel, um für mich den Spannungsbogen zwischen dem Verstecken ob manch eigener Fehlbarkeit und dem selbstbewussten Zeigen der Persönlichkeit im politischen Leben zu entdecken? Viel eher wirken die Versuche von Politikern als hilfloses Schlüpfen aus der eigenen Rolle des zumeist nicht sonderlich angesehenen Repräsentanten der Obrigkeit, die in den heutigen Tagen nicht nur bei populistischen „Wutbürgern“ einen immer schwächeren Stellenwert zu haben scheint, sondern auch in der Breite darum bemüht ist, sich als erreichbarer zu zeigen, um die kochende Volksseele zu beruhigen. Niederschwellig auf dem Kirchentag, mit letztendlich doch flachen Interpretationen biblischer Texte, um in einfacher Sprache zu verdeutlichen, Glaube verbinde in seiner oftmals schwammigen Emotionalität auch unter denen, die Politik nicht mehr verstehen. Das könnte man als Intention erkennen, wenn Kretschmann und Andere ihr Engagement mit Freude voranbringen.

Doch wie respektlos wird es, wenn der Presse, wenn der Bevölkerung mit einem Medium, das eigentlich dafür gedacht ist, politische Nachrichten aus der Arbeit der Landesregierung zu verbreiten, die Philosophie über das frühzeitliche Zollwesen näher gebracht wird, statt an erster Stelle darüber zu berichten, was das Kabinett für uns Wähler leistet? Zweckentfremdet man auf diesem Wege ein Instrumentarium, das eindeutig für öffentliches Agieren gedacht ist, als Rundbrief für Geschichten aus dem Neuen Testament? Ist es nicht ein Affront für die, die in Baden-Württemberg nicht an Gott glauben, die nicht dem christlichen, sondern einem anderen Glauben angehören, wenn ihnen immer wieder verdeutlicht wird, dass es ihr Ministerpräsident ernster mit der eigenen religiösen Überzeugung meint als mit der von vielen Anderen?

Die „hinkende Trennung“, wie Ulrich Stutz sie schon 1926 beschrieb (Die päpstliche Diplomatie unter Leo XIII. nach den Denkwürdigkeiten des Kardinals Domenico Ferrata, Berlin 1926, S. 54), ist bis heute geblieben. Die enorme Auslegungsmöglichkeit des Rechtsverständnisses über den Umfang der „res mixtae“, der „gemeinsamen Angelegenheiten“, die Kirche und Staat nach dem derzeit geltenden Grundgesetz miteinander zu „bewältigen“ haben, lässt es auch Politikern weitgehend offen, inwieweit sie sich religiös engagieren – innerhalb und außerhalb ihrer Amtsaufgaben. Die ungeschriebenen Gesetze sind durch das gesellschaftlichen Debattieren der Neuzeit allerdings klarer. Nicht nur DIE ZEIT forderte als ein Spiegelbild eines bürgerlichen Wunsches am 04.10.2013: „Trennt euch!“ – und man könnte einen solchen Ruf auch dieser Tage wieder an die Politik richten. Nein, niemand will den Politikern ihren Glauben absprechen, aber: „Warum behaltet ihr ihn denn nicht einfach für euch?“…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Ein Stück weit paranoid sind die Aussagen auf dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag durchaus gewesen. Zwar haben Landesbischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx einerseits auf Geduld bei der Ökumene verwiesen, andererseits sprachen der EKD-Ratsvorsitzende und Kirchentagspräsidentin Aus der Au von einer Wiedervereinigung der beiden Konfessionen – und das genau 500 Jahre nach der Reformation, die zu diesen erst führte. Das Herbeisehnen des Verschmelzens von evangelischem und katholischem Glaubensverständnis zurück zu einer Christenheit, es läuft dem zuwider, was Luther 1517 eigentlich anprangerte. Wir feiern, dass sich Bewegung in die Entwicklung der Kirche brachte, wir sind dankbar dafür, dass wir uns abgewendet haben von Irrlehren. Und so gilt: Auch wenn der Reformator nicht wollte, dass sich die Kirche teilt, so scheint es notwendig gewesen zu sein. Voraussetzungen dafür, dass man dies heute anders sehen könnte, gibt es nicht. Im Gegenteil.

Auch 2017 sind die Unterschiede in wesentlichen theologischen Fragen elementar. Nein, es hat nichts mit Spaltung zu tun, wenn wir auf sie verweisen. Luther und andere Reformatoren haben ja nicht grundlos das hierarchische Denken, die Monetarierung und den Missbrauch unseres Bekenntnisses, die Abwendung von der Bibel als nährende und tragende Wurzel unseres Glaubens und die Nachfolge Jesu ohne Personenkult und Prunk oder Protz – um nur einzelne Beispiele zu nennen – als Gründe dafür hervorgebracht, die bis heute strittig sind. Ob es sich bei den Ereignissen, die vor einem halben Jahrtausend von Wittenberg ausgingen und bis heute fortwirken, um eine „Erneuerung“ der Kirche gehandelt hat, wie auf dem großen Fest dieser Tage wiederum behauptet wurde, das ist demnach zweifelhaft. Ja, es wurde eine neue Konfession geschaffen, weil es nötig war angesichts der zementierten Strukturen der katholischen Kirche, die sich bis heute nur schwerlich in ihren Positionen bewegt.

Eine Rückbesinnung auf den Glauben, nicht auf die Darstellung, auf die Lehre, auf Entmündigung und auf Autoritäten. Die Schrift ist es, die Wegweisung gibt. Und so tun sich auch die Differenzen auf, beispielhaft beim Abendmahl. Während bei der Eucharistie im katholischen Verständnis die Wandlung von Brot und Wein Jesu wirkliche Anwesenheit verheißt, bleibt bei der protestantischen Auslegung beides symbolhaft. Und das nicht aus weniger Überzeugung, sondern aus den Worten der Bibel, die uns wiederholt dazu mahnt, nicht zu versuchen, Gott nachzuahmen. Diese Haltung zieht sich durch viele theologische Komplexe, die beide Konfessionen trennen – und sie haben eine ganz erhebliche Auswirkung auf den Glauben der Christen dieser Kirchen.

Wenn wir uns als Protestanten abgrenzen, dann ist das keinesfalls eine Verweigerung der Freundschaft zu unseren katholischen Mitchristen. Es ist unzweifelhaft, dass wir uns auf denselben Kern einer gemeinsamen Religion beziehen. Doch uns prägen verschiedene Verständnisse unseres Glaubens. Und diese Unterschiedlichkeiten sind keine Hindernisse, sondern sie sind wichtig. Sie beleben das Miteinander der Christen hier und dort. Es überrascht viel eher, warum der penetrante und überaus kraftvolle Versuch unternommen wird, diese offenkundigen, aber gleichsam so wertvollen Eigenarten zu überwinden und krampfhaft eine Einheit zu finden, wo doch die Identitäten verbinden, aber die Charaktere in ihren Alleinstellungsmerkmalen so fruchtbar und selbstbewusst voneinander divergieren. Jede Religion kennt ihre Ausformungen, die „Flügel“ und ihre Strömungen. Sie machen die Facetten aus. Und auch, wenn es keiner unter denen zugeben will, die die Wiedervereinigung der Konfessionen ersehen, es hat etwas von dem Versuch der Gleichmacherei, wenn dies bestritten wird.

Vertrauen wir etwas mehr auf die Kraft des Heiligen Geistes und überholen wir ihn nicht in unserem Aktionismus. Zwei Konfessionen, in unserem alltäglichen Denken spielen die verschiedenen Bekenntnisse kaum noch eine Rolle. Und das sollen sie auch nicht. Denn die christliche Verbundenheit, sie geht über die Grenzen der Kirchen hinweg. Darum lassen wir uns dort, wo wir in wichtigen Einzelheiten unserer Überzeugungen das Wesen der jeweiligen Konfession mit gutem Grund betonen und unsere Standpunkte eben nicht um den Preis einer unehrlichen Heirat verraten, diese Pluralität mit Freude loben. Ein gestärktes Christsein in seinen Vielfältigkeiten, das ist die Botschaft des Reformationsjahres, nicht aber der Wunsch nach einem Einheitsbrei ohne eine Ecke oder Kante, an der wir uns gegenseitig reiben können – damals, und Gott sei Dank auch noch 500 Jahre später…

[Dennis Riehle]

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Kommentar

Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag steht unter dem Motto „Du siehst mich“. Besonders wortgenau haben Atheisten der „Giordano-Bruno-Stiftung“ diese Aufforderung genommen – und mit einer anstößigen Aktion auf Missstände in der Aufklärung zu Martin Luther hingewiesen, der als zentrale Figur des diesjährigen Reformationsjubiläums im Mittelpunkt der Veranstaltungen in Berlin, Leipzig und Wittenberg steht. Doch was man als konstruktive Kritik erwarten würde, entpuppt sich als eine perversierte Demonstration ohne jeglichen Inhalt, viel eher anstößig, platt und letztlich einfach nur „billig“. Eine Skulptur von Luther, der seinen Mantel öffnet und sich darunter als nackte Person mit Genitalien zeigt, zieht nun durch die Städte des Kirchentages, um auf die Fehler aufmerksam zu machen, die dem Mönch zu Recht vorgeworfen werden. Man will offenbar zeigen, dass man außer einer Frontalattacke kaum etwas zu bieten hat – und gibt sich auf ein Niveau herab, das in der Vergangenheit bereits desöfteren an den Tag gelegt wurde.

Mit einer vielseitigen Interpretationsmöglichkeit der Figur deutet man wohl insgeheim mehr als die Vorwürfe gegen Luther an. Viel eher werden in seinem satirisch aufgearbeiteten Ebenbild auch die Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs in den Kirchen angeprangert, denn in seiner Darstellung erinnert die Skulptur an ähnliche, die bereits früher zu diesem Thema gefertigt worden waren. Mit Verweis auf Kunst- und Religionsfreiheit haben atheistische Vereinigungen immer wieder versucht, in prägnanten, aber gleichzeitig verkürzenden Worten und Gesten ihre Distanz zu Religion und Kirche zum Ausdruck zu bringen. Und ungeachtet einer rechtlichen Bewertung fällt die Einschätzung für den Außenstehenden wohl eher eindeutig aus: An Substanz fehlt es solch einem verstörenden Aufhänger wie der Luther-Figur allerorten. Die „Giordano-Bruno-Stiftung“ (gbs) und ähnliche Organisationen, die sich dem „Evolutionären Humanismus“ verschrieben haben, bemühen sich seit jeher kaum um die Verständigung unter den Religionen und Weltanschauungen. Mit ihrer Politik sind sie eher auf eine fundamentale Religionskritik aus, verfolgen dabei wohl am ehesten ein laizistisches Staatsverständnis und leiten daraus auch ihre Forderungen zur Position der Kirchen in der Gesellschaft ab: eine strikte Trennung, eine Verurteilung als hierarchische Nutznießer eines veralteten Grundrechts und eine strukturell durchsetzte Organisation an zwielichtigen Gestalten, zu der es nur die Alternative der Befreiung von Religion gibt – eine Mission für den Atheismus, die Säkulare gleichzeitig zugunsten des Christentums aber verurteilen.

Doch dieses Mal überschreiten die zahlenmäßig nur minimal die Konfessionsfreien in Deutschland vertretenden Akteure die Grenze des Erträglichen. Nicht nur die obszöne Darbietung der Skulptur zeigt sich fernab jedweder Verhältnismäßigkeit. Die Zuspitzung des Satirischen, sie war schon oft Diskussionspunkt in der Öffentlichkeit. Ob zu Karneval oder bei Großveranstaltungen – was muss, und sei es nur ein Teil, die Gesellschaft hinnehmen, wenn eine vergleichsweise kleine Gruppe ihre Meinungen auf Basis der ungestörten Ausübung der eigenen Weltanschauung propagieren will? Mit einer unsäglichen Parabel, die das riesige „Kunstwerk“ in den Armen hält, wird suggeriert, Luther habe die Grundlage für den Massenmord an den Juden im Zweiten Weltkrieg geschaffen, indem er sich bereits Jahrhunderte zuvor zutiefst feindselig ihnen gegenüber geäußert habe. Nicht nur provokativ, sondern provozierend – schlussendlich weiß man kaum noch, ob ich bei solch einer Aktion lachen oder weinen soll. Mein Mitgefühl mit denen, die sich in die Niederungen der Pointe begeben haben, hält sich allerdings in Grenzen, ist mir doch bekannt, dass dahinter keine dummen Menschen stehen. Im Gegenteil: Es sind viele Wissenschaftler und Künstler, die sich ihres Tuns gewiss sind. Das macht ihr Vorgehen besonders dreist. Denn die Freiheit, die sie für sich einfordern, schränken sie dort bei Anderen ein, wo ihnen die sachliche Aufarbeitung doch zu steinig erscheint. Und nicht nur das: Sie schaffen Parallelen, die unreflektiert nicht standhalten, die geschichtlich gesehen zweideutig bleiben und die letztlich einen Reformator mitverantwortlich für den Holocaust machen, wenngleich seine Worte über das jüdische Volk unentschuldbar bleiben.

Erbärmlich wirken Aktionen wie diese, die uns nicht weiterbringen in der eigentlichen Frage: Wie sind Luthers Aussagen über die Juden im Kontext der damaligen Zeit zu verstehen? Woher rührte sein Antisemitismus vor allem in seiner späteren Lebensphase? Überdecken diese unsäglichen Einlassungen seinen wichtigen Beitrag zur Reformation? Hüllt die Kirche die Wahrheit über Luthers Entgleisung tatsächlich unter dem Mantel des Schweigens? Wie realistisch ist die Vorstellung, dass die späten Gedanken des Reformators einen ernst zu nehmenden Einfluss auf die Ideologie der Nationalsozialisten hatten? Und nicht zuletzt: Warum überdecken Atheisten ihrerseits wiederum, dass die evangelische Kirche in der Vergangenheit ganz erhebliche Anstrengungen unternommen hat, um diese dunklen Seiten ihres Reformators in ein kritisches Licht zu rücken? Die Debatte hierüber ist viel zu komplex, als sie mit einer lächerlichen Skulptur ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Ich habe mich lange Jahre der humanistischen Bewegung zugehörig gefühlt – und in dieser Zeit auch immer wieder erleben müssen, dass es den Menschen mit säkularen Ansichten oftmals an jeglicher Argumentation fehlt. Sie machen sich über „religiöse Gefühle“ lustig, bezweifeln generell ihre Existenz – und haben deshalb auch kein Problem, auf ihnen herum zu trampeln. Möglichst laut, möglichst schrill und möglichst oberflächlich fallen die Angriffe aus, die auf Kirche und Religion gerichtet sind. Und besonders beschämend bleibt der Umstand, dass diese Attacken nicht nur die Institution und die Weltanschauung betreffen. Es ist der Glaube des Einzelnen, der im Rahmen der Würde des Menschen als unantastbar gelten sollte, der der Herabwürdigung ausgesetzt wird.

Die atheistischen Verbände haben seit längerem ein Problem: Sie offenbaren wissenschaftliche Errungenschaften, erklären die Abstammung des Menschen vom Affen in all seinen Details, huldigen der Technik und Digitalisierung, die das Individuum selbst noch eines Tages überholen und vielleicht sogar die Macht über uns gewinnen werden – aber die Emotionen der Menschen, die Hoffnungen und Sehnsüchte, sie berühren Humanisten und Freidenker nicht. Es fehlt an eigenen Impulsen, gesellschaftspolitische Antworten auf die wirklich drängenden Fragen unserer Zeit liefern sie nicht, abstrahieren viel eher eine Zukunft, die dem Bürger von heute nicht näher gebracht werden kann. Mit einer allein rationalen Erklärungsweise unserer Welt werden die Menschen nicht in ihrer Realität abgeholt. Im Gegenteil: Das ständige Reden gegen Religion und Kirche überspielt die Inhaltsleere, das alleinige „Wider“ birgt keine Überzeugungskraft in sich, wenn es um das Erreichen unserer Herzen geht. Und so wird es auch bei einer Skulptur zu Luther sein: Sie empört, manch einer findet sie lustig – doch alle müssen erkennen, dass sie uns nicht wirklich weiter bringt ohne den Anspruch, konstruktiv miteinander ins Gespräch zu kommen. Diesen Willen zum Gestalten des weltanschaulichen Lebens in Deutschland, ich vermisse ihn bei den Atheisten. Lautes Getöse, es hat weder der Politik bislang geholfen, noch denen, die auf sich aufmerksam machen wollten. Ein wenig armselig ist das Mühen von „gbs“ und Anderen schon, aber möglicherweise doch irgendwann auch heilsam. Luther selbst sagte: „Die Ratio erfasst nicht, was Gott ist; gleichwohl erfasst sie zuverlässig, was Gott nicht ist“.

[Dennis Riehle]

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Kommentar
zum Auftritt des ehemaligen US-Präsidenten beim Evangelischen Kirchentag

„Aufmerksamkeit“ bringe der Auftritt von Barack Obama dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag, sagte Präsidentin Aus der Au über den Besuch des früheren amerikanischen Staatsoberhauptes.

Braucht ein Kirchentag ein „Highlight“, um Ausstrahlung zu haben? Eine Vielzahl der Besucher am Brandenburger Tor kam, so kommentieren es Reporter, allein, um den früher gar als „Messias“ angesehenen und bis heute als Star verehrten ehemals Mächtigsten der Welt zu sehen.

Wie tief aber ist ein Kirchentag gesunken, wenn er allein durch Personen von sich reden macht? Er soll ein „Fest des Glaubens“ sein, nicht von Charisma. Und was nehmen wir auch aus den Worten von Bundeskanzlerin Merkel und ihrem amerikanischen Gesprächspartner mit? Das, was wir ohnehin schon wissen, vom „Dilemma“ aus Realpolitik und dem Mitgefühl für das Flüchtlingsleid hören wir – und davon, dass junge Menschen die Hoffnung für die Zukunft sind. Dafür brauche ich keinen Kirchentag, um solche Worthülsen zu erfahren.

Botschaften mit Kern entstehen abseits des Rampenlichts, Nachhaltigkeit mit Biss überall dort, wo gerungen statt nur geplaudert wird. Reformation ist das Thema. Und wie wir in Zeiten der religiösen Erosion für uns und andere ein Segen sein können. Ein gutes Zureden Obamas genügt hierfür genauso wenig wie ein Überstrapazieren der kirchlichen Politisierung. Denn das kann heute jeder.

„Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten“ – das gilt auch für die Macher der „Party“ von Berlin, Leipzig und Wittenberg…

[Dennis Riehle]

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Leserbrief
zu „Heftige Kritik von den Litzelstettern“, SÜDKURIER Konstanz vom 23. Mai 2017

Ja, die Litzelstetter haben heftige Kritik an den Oberbürgermeister herangetragen, als er im Gespräch hier vor Ort gewesen ist. Aber das ist sicher nicht die ganze Wahrheit. Denn die mittlerweile durch mehrere Projekte im Teilort angeheizte Stimmung hat Gründe. Und sie liegen nicht zuletzt auch in einem Stil des OB, der provoziert.

Wenn „wir“ nicht fair mit der „Wobak“ gewesen sind, wie Burchardt meint, frage ich zurück: War sie denn fair mit uns, als sie kurzerhand das Ergebnis des Architektenwettbewerbs ad absurdum führte? Er verkürzt die Tatsachen – und das nehmen ihm wohl nicht nur die Litzelstetter übel. Die Messe sei „gelesen“, attestiert der OB zum Thema „Ortsmitte“. Solche Aussagen wirken plump, nicht aber angemessen für ein Stadtoberhaupt.

Ein wesentliches Problem ist seit Amtsantritt desjenigen, der sich die Bürgerbeteiligung einst auf die Fahnen geschrieben hatte, die Kommunikation mit den Menschen. Sie wirkt oftmals desinteressiert, oberflächlich und recht genervt. Von Selbstreflexion erkennt man ebenso wenig wie von Empathie. Burchardt kann sich kaum in die Position der Bevölkerung hineinfinden, betrachtet einseitig aus seiner Sicht des Politikers und der Verwaltung.

Er verteidigt sich und seine städtischen Gesellschaften ohne einen diplomatischen Ansatz zu verfolgen, vertieft damit einen Graben zwischen „Oben“ und „Unten“. Mit neuen Leitlinien für die Partizipation ist es nicht getan, denn man mag bei deren Hürden bezweifeln, ob unter ihnen jemals eine Teilhabe in Litzelstetten zustande gekommen wäre. Den Bürgerwillen ernst nehmen, eine schwierige Sache.

Es ist Feingefühl, das dem Oberbürgermeister fehlt. Die Wähler merken das, deshalb kommen auch Überschriften wie die von Aurelia Scherrer zustande. Aber es ist nicht zu spät. Vertrauen kann man sich erarbeiten…

[Dennis Riehle]

Leserbrief
zu „Sebastian Kurz: Ein Polit-Jungstar als Kanzlerkandidat“, in: „proKOMPAKT 20|2017“

Auch in Deutschland kennen wir Narzissmus unter unseren Politikern – bei manchen eben mehr, bei anderen weniger. Und wahrscheinlich gehört er in einem gewissen Maß auch als gesundes Selbstbewusstsein zu einem Leben im politischen Alltag dazu. Doch was sich Sebastian Kurz in diesen Tagen leistet, das geht doch weit über eine Selbstverliebtheit hinaus. Da ist es nicht der Wunsch nach Anerkennung, sondern nach vollkommener Macht. Die Kontrolle über eine gesamte Partei zu haben, ohne Vertrauen in die demokratischen Strukturen, als Strippenzieher aller Entscheidungen und mit einem Freifahrtsschein für die Politik seiner ganzen Liste.

Was die Länderchefs der ÖVP weitgehend begrüßen, ist in Wahrheit kein Neuanfang für eine politische Kraft, die sich über Jahre im Clinch mit dem eigenen Koalitionspartner befand – nicht zuletzt aufgrund des Auftretens des Außenministers Sebastian Kurz in der jüngeren Vergangenheit. Es ist viel eher das lautlose Verherrlichen eines überzeugten Provozierenden, der trotz seines jungen Alters schon heute genau weiß, welche Außenwirkung er hat – und wie dringend nötig für die ÖVP eine große Geschlossenheit ist. Aber: Kann man sie mit Zentralisierung tatsächlich erreichen? Dynamisch, konservativ und taktierend – Kurz kennt sein Profil, das ankommt. Nicht nur beim Wähler, sondern auch bei manchem Ziehvater.

Auf ihn verlässt man sich mit gutem Gewissen, übergibt ihm Befugnisse, die nicht einmal ein Monarch hat. Doch in seinem Königreich ist der smarte Integrationspolitiker für seine Argumentationskraft bekannt. Man mag allerdings hoffen, dass die Republik auch über diese kurzzeitigen Spielereien in den Träumen der Volkspartei erhaben sein wird und Österreich endlich wieder geerdete Politiker geschenkt werden, denen es weder um Inszenierung, noch um Dauerstreitigkeiten aus Gründen der Selbstprofilierung geht.

Ja, Sebastian Kurz vertritt „christliche Werte“, wenngleich viele seiner Positionen an die Grenzen dessen stoßen, was wir mit einem biblischen und von Nächstenliebe geprägten Menschenbild verbinden. Sein Konservativismus ist nicht nur eine Geradlinigkeit in Zeiten politischer Korrektheit. Doch seine Abgrenzung, mit der er sein Alleinstellungsmerkmal begründet und sich gerade auch beim jungen Wähler Attraktivität einholt, forciert der Politiker zu Lasten einer kritischen Auseinandersetzung seiner Positionen mit den Wurzeln der eigenen Partei, die – wie die CDU – im „C“ verhaftet sein sollte. Mit einer Nachfolge Jesu, die auch für politisch Aktive ein Anreiz sein darf, hat der Egotrip des Newcomers so gar nichts zu tun…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Es ging fast unter in den täglichen Meldungen aus den USA, aus Frankreich oder aus der Türkei. Und doch wäre es sicher eine Nachricht wert gewesen, als Gregor Gysi mit Pressemitteilung vom 5. Mai 2017 dazu aufforderte, ein Jahr vor dem 200. Geburtstag mit der Ehrung für Karl Marx zu beginnen. Er huldigt ihn in einer grandios reklamierten Verbundenheit, selten habe ich eine Medienaussendung gesehen, die derart vor Hingabe und Lobhudelei zu triefen scheint wie die, die den „Ökonomen“ als einen der bedeutendsten Deutschen darstellt, dem Gysis Anbetung fast schon peinlich sein müsste. Der Aufruf, Initiativen zu unterstützen und sich der Würdigung anzuschließen, gleicht der Heraufbeschwörung eines Personenkultes, die auf mich befremdlich wirkt: „Karl Marx ist eine der größten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte. Er hat auf hervorragende Art und Weise die Philosophie und die ökonomische Wissenschaft bereichert. Von ihm stammt eine beeindruckende und bis heute in jeder Hinsicht zutreffende Analyse der kapitalistischen Produktionsweise. Seine viel gelesenen Schriften spielten in der Geschichte der Menschheit eine grandiose Rolle […]“, schreibt Gysi.

Hier geht es scheinbar nicht mehr darum, allein „Fan“ von einer Weltanschauung und ihrem Begründer zu werden. Aus den Zeilen von Gregor Gysi schwingen Töne mit, die Marx regelrecht zu einer Ikone werden lassen. Im vernebelten Licht steht ein Star, dessen Strahlkraft über die Kritik hinweg tragen soll, mit der wir uns nach Ansicht des LINKEN-Politikers zwar auch auseinandersetzen sollen, allerdings erwähnt Gysi das nur in einem einzigen Satz seiner langen Botschaft. „Das Kapital“ wird zu einer heiligen Schrift, die Analysen des Denkers zu einer scheinbar unfehlbaren Wegweisung für alle, die sich mitreißen lassen von der Welle an Glücksgefühl, als wäre er wiederauferstanden, der Trierer Sohn, für dessen Heimatstadt Gysi deshalb auch fordert, der Universität den Namen des berühmten Mitbürgers zu schenken. „Dem politischen Sekretariat, dem Vorstand und der Generalversammlung der Europäischen Linken werde ich vorschlagen, überall in Europa Initiativen zur Ehrung und Würdigung von Karl Marx zu ergreifen und zu unterstützen. Die Bürgerinnen und Bürger, Initiativen, Einrichtungen und Institutionen Deutschlands rufe ich auf, in besonderer Weise die Würdigung von Karl Marx zu organisieren, zum Teil auch nachzuholen“, ermutigt Gysi.

Zweifelsohne: Karl Marx war ein wichtiger Philosoph. Seine Gedanken haben den Diskurs um eine menschliche Wirtschaftspolitik erheblich vorangebracht. Er war in seinen Überlegungen überaus modern, brachte Fragen auf, die für uns heute von Bedeutung sind: Waren es damals noch Maschinen, die den Menschen Arbeit abgenommen und sie damit aber auch um Teil des Lohns gebracht haben, ist es heute die Digitalisierung, die uns vor ähnliche Probleme stellt. Was geschieht mit denen, die nicht mehr „gebraucht“ werden und damit in Arbeitslosigkeit und Armut rutschen, weil ihre Aufgaben jetzt von Computern übernommen werden? Und gleichsam die Theorie, dass schon zu Zeiten von Marx niemand mehr wusste, woher letztendlich ein Produkt kommt, wie viele Hände – und vor allem, unter welchen Bedingungen – daran gearbeitet haben. Heute geht es uns so mit Waren aus der ganzen Welt, denen wir nicht mehr ansehen, ob auch Kinder sie gefertigt haben, unter Ausbeutung für unser Wohlergehen. Ja, der Weitblick bis ins globalisierte Zeitalter hinein, doch rechtfertigt das Freudensprünge wie die Gysis: „Insbesondere die Bürgerinnen und Bürger und die Verantwortlichen der Geburtsstadt von Karl Marx, Trier, rufe ich auf, einen Festakt zu organisieren, zu dem bedeutende nationale und internationale Persönlichkeiten eingeladen werden“?

Letztlich fasste Marx in seinen Werken zusammen, was auch heute noch auf Zustimmung stoßen würde: „eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (Marx-Engels-Werke. 4,482). Wüsste man es nicht besser, könnte dieser Halbsatz auch aus dem Wahlprogramm der heutigen FDP stammen. Und doch verfolgte Marx eine ganz andere Lehre, die nicht derart friedlich war, wie solche Zitate es vermuten lassen. Marx rief zu einem wie auch immer aussehendenWiderstand auf, zu einem Umsturz, der die Arbeiterklasse dorthin bringen sollte, wo bislang die sogenannte „herrschende Klasse“ sitzen mag. Es reichte ihm nicht, dass Philosophen die Welt interpretierten. Sie müsse verändert werden, formulierte Marx. In seiner Rede zum Haager Kongress sagte er, „dass in den meisten Ländern unseres Kontinents der Hebel unserer Revolutionen die Gewalt sein muss“ (ebd. 18,160). Zweifelsohne: „Würdigung schließt eine kritische Auseinandersetzung mit Marx‘ Werk, mit dessen späterem Missbrauch keinesfalls aus“, so meint Gysi in Bezug auf die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag desjenigen, der da so offen von Gewaltsamkeit spricht. Reicht dieses Zugeständnis des LINKEN-Politikers – und war es nicht vielleicht Marx selbst, der seine eigenen Ideen ins Unerträgliche geführt hatte, nicht heute, sondern bereits damals?

Ja, beim Blick auf den Erdball hat man zweifelsohne den Eindruck, dass es mit der Gerechtigkeit nicht weit her ist. Dass „Oben“ vom imaginären Wachstum des Vermögens profitiert, für den „Unten“ wahrlich schuftet. Die Frage, ob Chancengleichheit alleine ausreicht, um Wohlstand für möglichst viele Menschen zu erreichen, beantwortet Marx recht klar. „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ (ebd. 19,21). Die Individualität des Menschen, die auch der Liberalismus als wesentliches Merkmal seiner Weltanschauung kennt, macht deutlich, dass es gleichsam eine Verteilungsgerechtigkeit braucht, weil die veränderbaren und gleichsam festgeschriebenen Umstände nicht jede Chance zum Erfolg werden lassen. Denn die Unterschiedlichkeit der naturgegebenen Fähigkeiten ist eben nur bedingt überwindbar – mit Leistung, mit Anstrengung, mit Weiterentwicklung. Die Verschiedenheiten, die wir als wertvoll erachten, sind Grund dafür, dass wir Verantwortung auch derjenigen benötigen, denen von Geburt an, aber eben auch durch menschgemachte Bevorteilung in Familie, Schule oder Beruf der Weg von Steinen befreit ist. Das gesellschaftliche Modell eines Sozialstaates, indem Schwäche nicht als Faulsein fehlgedeutet wird, sondern dort etwas genommen wird, wo andere es brauchen, um miteinander in einer Welt überleben zu können.

Und das Ringen um das richtige Maß an Förderung und Forderung, aber auch die Überlegung nach neuen Konzeptionen eines möglichst gleichen Ausgangspunktes für die persönliche Entfaltung, immer wieder neu – sie sind die Ergebnisse auch der Anstöße, die Marx schon vor weit über 100 Jahren formuliert hat. Leider verengte er schon damals seine Kritik auf den „Kampf“ zwischen Arbeiterklasse und den Mächtigen, den Managern und Aufsichtsräten, wie es der Populismus heute wohl ausdrücken würde. Dabei geht es nicht um eine Feindseligkeit. Es war unredlich, mit solchen Begriffen derart zu provozieren, dass eine Rhetorik des Krieges dort entstand, wo man sich angeblich für Pazifismus stark macht. Und deshalb ist es genauso irritierend, wenn Gregor Gysi den „Helden“ ohne Ernsthaftigkeit im Spiegeln seiner Botschaften und seiner Wortwahl feiern möchte. Gerade, wenn man an Marx‘ Überzeugungen glaubt, ist es schlecht, hierarchische Götter zu erschaffen. Das erinnert an einen puren Kommunismus, auch an Diktatur – und auch wiederum an die DDR. Offenbar scheint es DIE LINKE tatsächlich nicht zu schaffen, sich mit ihren Vorbildern und mit ihren ideologischen Grundlagen derart reflektierend auseinanderzusetzen, dass dies auch glaubwürdig wirkt.

Dass Selbiges aber zumindest ansatzweise gelingen kann, macht ein anderes Jubiläum in diesem Jahr deutlich: Auch Martin Luther war jemand mit Licht und Schatten. Die Kirche weiß mittlerweile darum und zeigt zumindest Bemühen, nicht vollends über die dunklen Seiten des Reformators hinwegzugehen. Ja, ich bin enttäuscht über diesen linken Politiker, der für seinen brillanten Scharfsinn lange Zeit führender Kopf der Bundestagsfraktion war. Gysi schaffte es, mit pragmatischer Weitsicht inhaltlich Abstand zu nehmen zu dem, was Links – wenngleich nicht in selbigem Ausmaß – belastet wie eben Rechts. Aufklärung, man mag ihm vorwerfen, er habe bei seiner eigenen Historie in der DDR auch nicht genügend dazu beigetragen. Transparenz wünschte ich mir bei Marx: Dieses nahezu unantastbare Plädieren für eine geschichtsträchtige Person passt nicht in eine aufgeklärte Zeit, in der wir gelernt haben sollten, all den Vorfahren wie uns selbst mit einem gewissen Maß an Nachdenklichkeit zu begegnen. Ich war überzeugt davon, dass DIE LINKE das auch für sich verinnerlicht hat. Festhalten an den eigenen Wurzeln, nicht aber, ohne einen fragenden Blick darauf geworfen zu haben, was von ihnen übrig bleibt, sobald man die Verklärung abwischt…

[Dennis Riehle]

KOMMENTAR
zu: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article164767415/Gegner-des-Kreuzes-sind-intellektuell-ueberfordert.html

Beleidigungen liegen voll im Trend. Nicht erst, seitdem die Satire prüft, wo die Grenze zwischen einer kritischen Darstellung, einer sarkastisch, humorvollen, aber besonders auch provozierenden Spiegelung einerseits und der Denunziation, der bewussten Herabwürdigung und des Antastens der Würde anderseits liegen, befassen wir uns auch gesellschaftlich mit der Frage, wie wir miteinander umgehen dürfen. Zweifelsohne: In Zeiten von „Fake News“, gerade aber auch der „sozialen Medien“, müssen wir mehr ertragen. Gratmesser haben sich verschoben, es scheint, als müssten wir uns auch Beleidigungen gefallen lassen – wenn sie nur richtig verpackt sind.

Menschen ohne religiöses Bekenntnis gehören zu einer der Gruppen, die nicht zuletzt von Medien verstärkt der Diskriminierung ausgesetzt werden – obwohl eine wachsende soziale Einheit von Bürgern humanistisch-atheistischen Überzeugungen zugewandt ist, wenn auch nicht immer offen dazu stehend. Denn in einem Land, das christlich geprägt scheint, ist es weiterhin verpönt, so mutet es an, den Mund aufzumachen, wenn es um Gleichbehandlung geht. Da schreien die, die glauben, von einer Verletzung ihrer „religiösen Gefühle“ sprechen zu können, wenn man den lieben Gott einmal auf die Schippe nimmt, machen sich aber lächerlich über Rufe nach Neutralität im Alltag, auf den andererseits eben auch eine Bevölkerungsgruppe ganz zurecht ihren Anspruch erhebt.

Rainer Haubrich von der „WELT“ sieht solche Forderungen nach einem säkularen öffentlichen Dasein als „Mode“, nämlich als solche einer „aktuellen politischer Korrektheit“. Die Aufklärung ist zweifelsohne „aktuell“, aber ist sie eine Modeerscheinung, die vielleicht bald schon wieder vorübergeht? Und was hat es mit „politischer Korrektheit“ zu tun, wenn „Bündnis 90/Die Grünen“ und „DIE LINKE“ beim Wiederaufbau des Stadtschlosses in Berlin eine Debatte darüber fordern, ob das christliche Kreuz auf der Kuppel erhalten bleiben soll – oder ob die Rekonstruktion darauf verzichten könne. Haubrich fragt, ob es keine anderen Probleme gebe. Doch, es gibt sie. Nämlich die eigentliche Diskussion, für die das zweifelsohne kleine Kreuz nur stellvertretend steht.

Anhänger des christlichen Abendlandes würden gern darüber hinwegsehen, dass sich Gesellschaften verändern. Es mag sein, dass zum Nachbau eines Kunstwerkes auch gehört, die Details möglichst wahrheitsgetreu wiederzugeben. Aber das Berliner Stadtschloss ist eben nicht nur ein historisches Gebäude, es ist auch ein öffentliches, eines von Bedeutung im politischen Diskurs. Und da geht es nicht nur um Finanzen oder Architektur, sondern auch um seine Ausstrahlung. Gerade Berlin, das religiös so vielfältig ist, muss sich der Auseinandersetzung stellen, wie man dort mit denen umgeht, die sich nicht ohne Grund oftmals ausgegrenzt fühlen, weil sie keiner oder einer anderen Religion angehören als der, die nicht nur manch ein Unionspolitiker wohl gern in einer „Leitkultur“ festschreiben würde. Nein, da geht es nicht um ein einzelnes Kreuz, da geht es darum, wie wir die Interessen verschiedener Gruppen berücksichtigen und Lösungen finden können, die nicht alteingesessene Strukturen zementieren und eine pluralistische Gesellschaft als eine temporär anmutende Idee abtun.

Aber zurück zur Beleidigung: Haubrich setzt sich nicht nur dafür ein, das christliche Kreuz auf der Kuppel des Stadtschlosses wieder anzubringen. Diejenigen, die Gegenteiliges wünschen, sind seiner Ansicht nach „intellektuell überfordert“. Jeder kann daraus nun eine Interpretation ziehen, was solch eine Aussage konkret bedeutet. Für mich ist sie inakzeptabel. Wenn man sich argumentativ nicht mehr wehren kann, dann beginnt man mit Herabwürdigung. Und so zeigt sich auch der Kommentar des Journalisten wenig konstruktiv, erkennt man nicht einen einzelnen sachlichen Beweggrund, weshalb die „grüne“ und „linke“ Forderung so falsch sein soll. Ob bei „Facebook“ und wohl auch bei der „Welt“: Heute macht man es sich einfach mit dem, was man früher noch als den ehrwürdigen „Meinungsbeitrag“ kannte. Ein paar Schmähungen, einige Schubladen und Stempel, in die man Menschen einklassifiziert, ein wenig Dramaturgie. Mit Journalismus hat das kaum mehr etwas zu tun. Wo ist Haubrichs Vorschlag für einen alternativen Schmuck der Kuppel? So etwas erwarte ich von einem Pressevertreter im 21. Jahrhundert!

Haubrich würde man anraten, sich politisch zu betätigen. Manche Parteien sind dieser Tage dankbar für Phrasendrescherei. Die Interessenlosigkeit an Politik beginnt dort, wo Argumente fehlen. Und nicht nur sie: Der Respekt vor dem Gegenüber, vor dem Andersdenkenden ist verloren gegangen. Dafür lebt die Naivität, man könne eine Gesellschaft konservieren. Narzisstisch ist, wenn man aus Überhöhung seiner eigenen Glaubensüberzeugungen den Mitmenschen ihr Recht auf Fortentwicklung absprechen will. Und traurig ist, wenn sich Journalisten heute nicht mehr die Mühe machen, einen Blick vor die Haustüre ins echte Leben zu werfen. Rhetorisches Erniedrigen ist die einfachste Form der Öffentlichkeitsarbeit, aber auch die dümmste. Das Kreuz auf dem Stadtschloss offenbart die nachlassende Integrität von Teilen der schreibenden Zunft, die repräsentativ für diejenigen Bürger steht, welche sich nicht auseinandersetzen wollen mit der Dynamik unserer Zeit, mit den Fehlern ihrer Kirchen, mit den Widersprüchen in ihrem Glauben, mit den Alternativen für das Christsein. A propos: Sehr geehrter Herr Haubrich, wie wär’s mit einer Reportage über diese bösen Atheisten?…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Kommentar

Ein „sozial-liberaler“ Kandidat gewinnt die Präsidentschaftswahl in Frankreich. Und im Kleinen erinnern die Reaktionen an die Wahl von Barack Obama. Ein Heilsbringer für die von Stillstand geplagten Franzosen. Da beeindruckt sein jugendliches Auftreten, nicht nur die jüngeren Frauen erliegen offenbar dem Charme des 39-Jährigen, dem jüngsten Präsidenten, den Frankreich bislang gewählt hat. 65 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von unter 75 Prozent. Überzeugend sind diese Zahlen nicht, weiß man gleichzeitig doch um die wohl beeindruckende Gruppe an Nichtwählern, an denen, die sich enthalten haben oder ihren Stimmzettel ungültig abgaben. Macron kennt diese Situation, denn er selbst wurde mehrheitlich nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst davor gewählt, mit Le Pen wäre alles noch viel schlimmer. Trügerisch daher die Zuneigung zu diesem neuen Präsidenten, von dem man bisher kaum mehr in Erfahrung bringen konnte als seine Vorliebe für blaue Sakkos. Denn wie er Frankreich in den kommenden fünf Jahren tatsächlich neu erschaffen möchte, wie es vollmundig aus seinen Reden ertönt, das wurde auch in den vergangenen Wochen nicht wirklich deutlich. Viel eher konnte sich auch Macron nicht gegen die Bedenken wehren, die immer weiter an seiner Integrität nagten: Ein Regierungsbeamter, der später als Investmentbanker und als Minister arbeitete – wirklich frisch ist der Wind damit nicht, der in den „Elysée-Palast“ einzieht, im Gegenteil. Viele Franzosen nehmen es als anrüchig wahr, dass gerade einer, der im System gearbeitet hat, das zur Wirtschaftskrise führte, nun die Geschicke der „Grande Nation“ führen soll. Beruhigend ist das nicht für jeden. Und doch gab es kaum eine Alternative.

Schuld ist auch ein Wahlsystem, das den Franzosen seit jeher abverlangt, immer wieder zwischen den Extremen entscheiden zu müssen. Zweifelsohne, in Frankreich wählt man auch gerne etwas radikaler. Vor allem nach links ist dort viel Spielraum, man ist weniger anfällig für Vorurteile gegenüber Sozialisten – leider aber auch gegenüber Rechtspopulismus. Frankreich fehlen wichtige Erfahrungen mit dem Übel politischer Ränder, die häufig dazu besinnen, sich wieder mit Sachthemen auseinanderzusetzen und nicht länger allein den Botschaften zu lauschen, die im Geschrei der Menge ohnehin untergehen. Und in gewisser Weise waren es auch dieses Mal wieder diese lautstarken und oberflächlichen Parolen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, denen Inhalt fehlte und die nur dadurch begeisterten, weil sie einen doch irgendwie bei einem Großteil der Bevölkerung verwurzelten Stolz bedient haben. Bei Le Pen ist es ganz offensichtlich, dass sie vor allem mit Werten jenseits eines gesundes Nationalismus punkten wollte. Doch bei Macron? Viele Franzosen ließen sich offenbar von dem smarten Anzugträger umgarnen, der so verbindlich wirkt in seiner Kommunikation, ruhig und gleichsam freundlich, mit seinen Worten überzeugen kann und durchaus Stimmungen aufzufangen in der Lage ist – auch bei seinem ersten Auftritt nach dem Wahlsieg in seiner Wahlkampfzentrale, als er staatsmännisch zu seinen Landsleuten sprach und wie viele seiner Vorgänger nachdenklich darauf verwies, dass er Präsident aller Franzosen sein möchte.

Auch Macron steht am politischen Rand. In der Eindimensionalität unseres Parteiendenkens findet er keinen Platz. Und doch ist auch er ein Außenseiter, ein Extremer im wirtschaftstheoretischen Denken. Was an ihm „sozial“ sein soll, es bleibt verschlossen. Der gesamte Kontinent ließ sich beeindrucken von der Europafreundlichkeit von Macron, blendete dabei aber aus, was er im eigenen Land verändern möchte. Die 35-Stunden-Woche lockern, Arbeitnehmerrechte beschneiden, Abgaben für die Reichen absenken – was das für Sozialleistungen, Rente oder Gesundheitssystem bedeutet, kann man sich ausdenken, denn mit Fürsorge, Solidarität und sozialer Sicherheit hat solch ein Staat kaum mehr etwas zu tun. Manch ein Beobachter meinte, Macron wolle lediglich die „Soziale Marktwirtschaft“ endlich umsetzen. Doch wenn man auf die wenigen inhaltlichen Aussagen blickt, die der Kandidat im Wahlkampf äußerte, dann übertrifft er im Neoliberalismus unsere deutsche FDP um Längen. Und selbst die europäischen Nachbarn mussten auf den letzten Metern noch erkennen, dass Macron es mit der EU vielleicht zu gut meint. Die die Währungsunion fordert er beispielsweise ein eigenes Parlament, einen eigenen Finanzminister und auch eine eigene Bankenaufsicht. Der Zentralismus soll wohl zur Entbürokratisierung beitragen und Europa ebenso entlasten wie die Franzosen, bei denen durch Steuererleichterung der Unternehmen und ähnliche Maßnahmen über 30 Milliarden eingespart werden, wenn es nach den Plänen des neuen Präsidenten geht. Ob allen, die ihr Kreuz bei dem Newcomer setzten, bewusst war, was sie da denn so mitwählen?

Er wolle die Schwachen nicht vergessen, wagte sich in die „Banlieues“ und betonte, die Gesellschaft zu einen. Wahrscheinlich liegt das größere Problem gar nicht in der Zusammenführung der politischen, sondern der sozialen Lager. Denn Macron begann schon in seinen Wahlkampfaussagen mit einem klaren Kurs gegen die „Unterschicht“. Immerhin passt es nicht zusammen, Arbeitgeberrechte zu stärken, den Firmen neue Freiheit zu schenken und Beamte zu entlassen, während man gleichzeitig vorgibt, auch die Armen in sein Handeln miteinbeziehen zu wollen. Die Betonung der Integration hat bei Macron allein einen wirtschaftlichen Antrieb, weniger einen sozialen. Denn er blickt auf neue Arbeitskräfte, die da ins Land kommen, „en marche“ lässt keinen Platz dafür, auch die Zurückgelassenen mitzunehmen, die zunächst einmal Schutz suchen, aber auch nicht für jene, die seit langem arbeitslos sind, die ohnehin um ihren Arbeitsplatz fürchten und die um ihre Existenz bangen – nicht im Chefsessel, sondern als Fischer in der Bretagne, als kleiner Hotelier am Mittelmeer oder als Cafébetreiber in der Großstadt. Seine „Revolution“ wird die Franzosen teuer zu stehen kommen, nicht nur finanziell, sondern auch im Kitt der ohnehin angeschlagenen Gesellschaft. Nein, Marine Le Pen wäre keine Alternative gewesen, das Dilemma der Extreme aus weit rechts und brutal marktwirtschaftlich zeigt vielmehr, dass im demokratischen System der „republikanischen Monarchie“ ein Fehler steckt. Diese Erkenntnis ist die einzig wegweisende aus dem Wahlsonntag, der so viele zurückgelassen hat, weil ihnen die Chance auf eine echte Auswahl verwehrt blieb…

[Dennis Riehle]