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Kommentar

Nein, mit solch einem Text mache ich mir keine Freunde. Denn ich will heute versuchen, die Sichtweise einzunehmen, mit der ansonsten kaum jemand etwas zu tun haben möchte: Die Perspektive von Tätern. Dem Staat wird häufig vorgeworfen, er fasse sie mit Samthandschuhen an, während er dabei die Opfer vergesse. Doch von diesem Ausspielen möchte ich mich nun einmal lösen und stattdessen provozieren, wenn ich festhalte: Wir wollen in Deutschland das Prinzip der Resozialisierung praktizieren, betreiben in Wirklichkeit aber eine Entsolidarisierung! Nicht nur, dass wir Menschen durch jahrelange Abschottung von der Öffentlichkeit isolieren und damit heraufbeschwören, dass sie ein gesellschaftliches Leben vollends verlernen. Wir stigmatisieren sie nicht nur als Straftäter, sondern lassen sie auch zu sozialen Krüppeln verkommen, die unfähig werden, sich überhaupt noch in einer Umwelt zurechtzufinden. Mit immensen Maßnahmen wird es danach nötig, sie wieder einzugliedern, was einerseits in der Regel aufgrund der erlittenen Diskriminierung für die Straftat und die Gefängniserfahrung, andererseits aber auch wegen der Hilflosigkeit von Haftentlassenen gegenüber der voreingenommenen Gesellschaft kaum gelingt – und erhebliche Kosten verursacht.

Neben dem ökonomischen Aspekt scheint mir der humanistische aber von noch größerer Bedeutung: In einem Land, das sich einerseits tolerant zeigt, durch zunehmende Radikalisierung an den politischen Rändern aber deutlich macht, dass Straffällige zu gut behandelt und Opfer vernachlässigt würden, entstehen Meinungen, wonach „Kriminelle“ nicht nur dauerhaft weggesperrt werden sollten, sondern immer wieder auch die Todesstrafe herbeigesehnt wird. Wenn es um Rache geht, sind wir stark und können mit dem Finger auf Andere zeigen. Da bedienen sich auch weniger gläubige Menschen Bibelzitaten, bei denen nicht die Vergebung zählt, sondern allein der Hass. Menschlich gesehen mag es nachvollziehbar sein, dass wir unsere Abscheu gegenüber denjenigen emotional zum Ausdruck bringen, die gegen Normen verstoßen haben. Dass dabei der Gedanke von Versöhnung völlig ausgeblendet wird, scheint dann wiederum verständlich, wenn man bedenkt: Wir suchen nach einfachen Lösungen – die aber meistens weder zielführend, noch günstig, noch ethisch richtig sind.

Ja, auch ein Täter hat Rechte. Das gehört zu unserer Demokratie. Und diesen Grundsatz zu achten, das ist die Herausforderung, aber eben gleichzeitig auch die Chance für unser Miteinander, wenn wir nicht in diktatorische Züge verfallen wollen, die nicht nur unmoralisch und verwerflich, sondern eben auch nutzlos sind. Geschehenes können wir nicht rückgängig machen, aber wir müssen nicht noch zusätzliches Leid verursachen, wo zumindest die Aussicht auf Verständigung und einen Neubeginn besteht. Selbstverständlich will auch ich diejenigen, die Vergehen und Verbrechen begangen haben, nicht ungesühnt in die Freiheit entlassen. Doch kann der richtige Weg in einen Kerker führen, der die Einen bricht – und die Anderen zu noch mehr Aggressivität verleitet? Wir haben eine Verantwortung gegenüber Jedem, eben auch gegenüber denen, die schuldig geworden sind. Und die Verpflichtung heißt, ihnen ihre Fehler bewusst zu machen, ihnen Hilfestellung anzubieten, sie zur Reue zu befähigen und sie auf den Weg einer Wiedereingliederung zu bringen, an dessen Ende auch die Perspektive auf einen unbelastetes Weiterleben stehen muss.

Natürlich weiß ich, dass es einen gewissen Prozentsatz an Straffälligen gibt, die diesen Schritt nicht mitgehen wollen und deshalb auch dauerhaft eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen können. Doch auch für sie kann eine „Verwahrung“ nicht das Passende sein, denn so etwas hat mit einem aufgeklärten Verständnis über die Behandlung eines Menschen nichts zu tun – egal, welche Vorgeschichte er hat. Das lange oder sogar lebenslange Wegsperren hat in den allermeisten Fällen eben nicht den Sinn des Schutzes der Bevölkerung – denn nur eine geringe Zahl an Straftätern (wobei selbst hier die Frage ist, ob eine solche Bezeichnung einem zukunftsgerichteten Weltbild gerecht wird) ist potenziell rückfällig. Viel eher soll damit dem Grundsatz von „Auge um Auge…“ nachgefolgt werden, eine alleinige Befriedigung des mehrheitlichen Sühnegedankens ist der Hintergrund, letztlich also die persönliche Erhöhung über den Täter, der nun für seine Vergehen der Justiz ausgeliefert und solange bestraft wird, bis gefühlt Gerechtigkeit herrscht. Nein, in der Realität bringt solch eine Ideologie nichts, außer Unfriede. Sie scheint gescheitert.

Gefängnisse sind Brutstätten für neue Gewalt – und das ist auch nicht verwunderlich. Sie widersprechen jedweder Natürlichkeit und sind ein Zwang, der letztendlich zu Reaktionen eines Individuums führt, die wir in nahezu allen Justizvollzugsanstalten erleben: Es tun sich Parallelgesellschaften auf, in denen Respekt und Moral nicht nur verloren gehen, sondern Neid, Missgunst und Unterdrücken aufblühen. Das Gesetz des Stärkeren ermutigt nicht nur Bedienstete zum Wegschauen, sondern lässt die Schwächeren in einer abgeschlossenen Welt zurück, in der sie ausgeliefert sind. Medizinische Versorgung mangelhaft, fundamentale Menschenrechte beschnitten, wenig Aussicht auf Zukunft – ich kann die vergleichsweise hohe Rate an Suiziden in Gefängnissen vollkommen nachvollziehen; sie offenbart ein Versagen unseres Systems, unserer Politik, aber vor allem unser aller Denkens nach dem Motto „Aus dem Blick, aus dem Sinn“.

Nein, es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen in Anstalten vegetieren, von dessen tatsächlicher Isolation wir nichts mitbekommen – und es aus Scham oder aus Überzeugung, dass alles so richtig ist, auch gar nicht erst wissen wollen. Ja, im Festhalten am Justizvollzug offenbaren wir unsere Entfernung vom Glauben an das Gute im Menschen, unsere Überforderung oder Abneigung gegenüber der konsequent verfolgten Demokratie, die uns abverlangt, umzudenken. Möglichst viel Freiheit unter angemessener Kontrolle, Rückführung in das Leben durch möglichst häufige Teilnahme am Leben, alternative Unterbringungsformen im Gedanken an kleine Gruppen, die Selbstverantwortung und Verpflichtung für die Gemeinschaft übernehmen müssen – und damit lernen, Werte (wieder) anzunehmen, Ordnungen einzuhalten, Gesellschaft zu gestalten und sich wieder als nicht ausgestoßener Teil eines Ganzen fühlen zu können. Durch zumutbare Arbeit und zumutbare beratende Unterstützung den Sinn für das eigene Leben zurückzugewinnen, Reparation und Wiedergutmachung zu leisten, Strukturen zu schaffen und sich auf eine Rückkehr in die „große Welt“ vorzubereiten, um dort nicht als „lebenslanger“ Straftäter gebrandmarkt ein Dasein auf Existenzminimum und in ständiger Sorge vor Benachteiligung zu fristen.

In einer Gesellschaft, in der der Fokus auf die Opfer von Straftaten gerichtet werden soll, haben Täter keine Lobby. Dabei bleiben sie Menschen, egal, welches Verbrechen sie begangen haben. Das ist schwer zu begreifen, aber es ist die Konsequenz aus einem Humanismus, der schlussendlich zu dem Spagat aus Empfindung nach Bestrafung und normativer Pflicht zur Verhältnismäßigkeit führt. Das Verständnis von Rechtsstaatlichkeit ergibt sich nicht aus dem Gedanken, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Keiner von uns würde den ersten Stein werfen, wenn es darum geht, wie tadellos wir unseren Alltag gestalten – weil wir insgeheim wissen, dass auch unser Leben aus dem Ruder laufen kann. Und dann erwarten wir selbst, dass wir nicht nur verurteilt werden, sondern irgendwann einen Neubeginn möglich wird. Vielleicht ist es unerträglich, dass Menschen auch denjenigen Menschen Würde zugestehen müssen, die sie abgrundtief hassen. Humanismus scheint manches Mal unerträglich – weil er menschlich ist…

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Glaube.

Schreiben an das Umweltministerium von Baden-Württemberg

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Konstanz, im Ortsteil Litzelstetten, soll an einer prominenten Stelle eine Anschlussunterbringung für Flüchtlinge entstehen. Der Ortschaftsrat beschied in seiner aktuellen Sitzung über eine entsprechende Bauvoranfrage.

Problematisch dabei ist: Das Baugrundstück (Flurstück-Nummern: 1025/0, 1026/0, 1027/0, 1028/0, 1029/0, 1029/1) liegt einerseits derart herausgehoben, dass es für die Allgemeinheit den Blick auf den Bodensee sichert und seine Nutzung deshalb im öffentlichen Interesse bevorzugt polarisiert. Andererseits liegt eine Grünzäsur vor, die das Gelände unter besonderen Schutz stellt. Zusammen ergibt sich eine brisante Mixtur von Gründen, die Unfriede stiften und vor allem gegenüber den Flüchtlingen zu unnötigen Anfeindungen führen könnte.

In der Sitzung wurde mit den Erleichterungen aus dem Baugesetzbuch (BauGB) argumentiert, die im Zuge der Errichtung von Unterkünften für Asylsuchende von der Bundesregierung beschlossen wurden – und damit auch erlauben, bisher völlig unzugängliche Areale zu erschließen.

In der Bevölkerung machte sich entsprechend Unbehagen breit, weil erst vor rund eineinhalb Jahren für dasselbe Grundstück ein Bauantrag aufgrund des Grünrandes abgelehnt wurde. Nun soll dort die Errichtung von mehreren Gebäuden möglich sein, was den Menschen nur schwer erklärt werden kann. Hier empfinden die Bürger durchaus eine Ungerechtigkeit, weil sie nicht verstehen können, warum nicht zunächst andere Baugebiete in Augenschein genommen werden, an denen keine Versiegelung und Zersiedelung von geschützten Räumen droht und bei denen Naturschutz und Flüchtlinge nicht gegeneinander ausgespielt werden müssen.
Auffallend im aktuellen Fall war, dass die Naturschutzbehörden bis zur Abstimmung keine Stellungnahme abgaben. Bei einer Grünzäsur scheint mir dies trotz § 246 Absatz 15f. BauGB ein doch riskanter Vorgang, bleibt damit doch eine eingehende und vor allem transparente Prüfung von Bauanliegen dieser Art aus, was gegenüber den zuständigen politischen Gremien und der Bevölkerung eine Einschränkung der demokratischen Teilhabe bedeutet.

Unklar ist auch, ob Alternativstandorte geprüft wurden, was ich bei einem Eingriff in Grünränder doch erwarten würde, immerhin kommt ihnen nach § 32 BNatSchG eine ganz herausgehobene Bedeutung zu.

An diesem Beispiel wird zudem deutlich, dass die Verlagerung von Flüchtlingen in Schutzgebiete eine Ghettoisierung nach sich zieht, denn in der Regel handelt es sich um randständige Areale außerhalb des Flächennutzungsplanes. Sie werden also abseits der Ortskerne und zumeist fern von Infrastruktur und sozialen Kontakten untergebracht – und müssen fürchten, dass sie für Nachteile (fehlende Seesicht, fehlende Baugenehmigungen, Zerstörung der Umwelt…) verantwortlich gemacht werden. Insofern verwunderte mich auch, dass selbst das Sozialamt bis zur Abstimmung keine Reaktion einreichte.

Ich wäre Ihnen daher dankbar, wenn Sie den konkreten Vorgang, aber generell dem Verdacht, dass kommunale Verwaltungen § 246 BauGB besonders großzügig ausnutzen, nachgehen würden

Beste Grüße

[Dennis Riehle]

Sehr geehrter Herr Lutz,

über mehrere Quellen ist mittlerweile verlautbart, dass Sie Ihren Redakteur in der Lokalredaktion Konstanz, Michael Lünstroth, aufgrund dessen Berichterstattung über das „Scala-Kino“ auf der Marktstätte scheinbar abmahnten. Sie warfen ihm demnach mangelnde Sorgfaltspflicht vor, Hintergrund dürften Beschwerden aus der Rathausspitze über eine gefühlte einseitige Wiedergabe der Geschehnisse um die Proteste der Bürgerinitiative und das Entscheidungsverfahren des Gemeinderates mit seinem Vorlauf, Gutachten und Stellungnahmen gewesen sein.

Zunächst einmal: Eine Zeitung ist kein Sprachrohr der Verwaltung. Die Medien verstehen sich im Lande zu Recht als „vierte Gewalt“ – und unterliegen damit nicht nur der Gewaltenteilung, sondern der vollkommenen Unabhängigkeit, wie Sie sie auch für Ihr Blatt proklamieren, jeden Tag neu im Titel der Ausgabe. Jeder darf sich über Verlautbarungen der Presse beschweren, Leser und nicht lesende Bürger, Gemeinderäte und auch Oberbürgermeister. Doch gerade aufgrund der Garantenstellung in Sachen Neutralität sind Zeitungen herausragend gegen den Versuch der Beeinflussung immunisiert. Allein die presserechtlichen und ethischen Grundsätze des Journalismus sind Maßstäbe, an denen sich Redakteure zu orientieren haben.

Der Deutsche Pressekodex zeigt uns auf, wann ein Journalist tatsächlich seine Sorgfaltspflichten verletzt hat. Lesen wir Ziffer 2, so finde ich dort keinerlei Aussage, in welcher Gewichtung ein Redakteur zu informieren hat. Viel eher ist er der Wahrheit verpflichtet, so steht es dort, was schlussendlich bedeutet, im Zweifel auch Kritik üben zu müssen. Das verlangt sogar die Präambel des Pressekodexes, die uns nochmals an die journalistischen Werte erinnert: Sie „schließt die Unabhängigkeit und Freiheit der Information, der Meinungsäußerung und der Kritik ein“.
All das hat Michael Lünstroth verwirklicht. Er hat in seinen Texten, die ich vollständig verfolgt habe, nicht nur seine Sicht der Dinge vollständig legitim auf die heikle Thematik der möglichen Entstehung eines weiteren Drogeriemarktes an einer markanten Stelle des hiesigen Stadtbildes geworfen. Viel eher hat er darüber hinaus eine Perspektive eingenommen, die sich von derjenigen abhob, welche die Stadtverwaltung öffentlich wahrnehmbar kundtat. Und genau das ist Aufgabe der Presse: Sie darf der Exekutive nicht nach dem Mund reden, sondern muss der Öffentlichkeit die Möglichkeit einräumen, andere Argumente und Sichtweisen kennenzulernen. Denn lesen wir im Pressekodex weiter, so heißt es: „Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und ihrer Verantwortung für das Ansehen der Presse bewusst sein“. Ja, Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit! Der SÜDKURIER ist nicht dem Oberbürgermeister oder dem Gemeinderat gegenüber verpflichtet, Meinung zu bilden, sondern gegenüber der breiten Allgemeinheit!

Die Sichtweise der Verwaltung wurde im SÜDKURIER ausreichend thematisiert, vergleichen Sie hierzu Ihre Berichte vom 09.02.2016, 07.04.2016 oder 21.04.2016. Darüber hinaus ging es bei einem Schwerpunkt, der die Bevölkerung massiv polarisierte, vor allem um die Erörterung. Und zu dieser hat Michael Lünstroth berechtigterweise meinungsstark seine Beiträge geleistet, hat dabei durchaus Mängel in der Arbeit der Stadt aufgezeigt, blieb in seinen Ausführungen trotz aller Deutlichkeit und Vehemenz aber „fair“, wie der Pressekodex es verlangt. Und besonders: Er handelte offenbar „unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen“. Viel eher scheint er in seiner zwar subjektiv anmutenden, aber mit der Richtlinie „nach bestem Wissen und Gewissen“ des Pressekodexes allemal vereinbaren Positionierung der Überzeugung gerecht zu werden, dass Medien nicht nur objektiv vermelden, sondern selbst als Akteur im öffentlichen Dialog auch Player sein können.

Dagegen habe ich Zweifel, ob der SÜDKURIER in seiner verantwortlichen Leitungsschiene den Vorsatz aus der Präambel des Pressekodexes, wonach Sie eine „Verpflichtung zum Ansehen der Presse“ tragen, derzeit beachtet. Verfolgt man die Entwicklungen, stehen Vorwürfe der erheblichen Einflussnahme von Seiten des Konstanzer Rathaus und der politisch führenden Köpfe auf Ihre Tageszeitung im Raum, den Beschwerden einer voreingenommenen Berichterstattungen gab man wohl statt, indem Herr Lünstroth entsprechend diszipliniert wurde. Welche etwaigen wirtschaftlichen Abhängigkeiten eine Rolle in dieser Entscheidung gespielt haben mögen, will ich nicht beurteilen. Jedenfalls erweckt der Vorgang den Eindruck, als folge der SÜDKURIER den Eingaben der Stadtoberhäupter blind, um einen bedeutsamen Kunden nicht zu vergraulen und auch künftig als Projektpartner attraktiv zu bleiben.

Dass aber möglicherweise Ihre Leser durch die Aktion um Herrn Lünstroth verstört sind und sich ihrerseits überlegen müssen, ob sie weiterhin eine Zeitung abonnieren, die sich Unabhängigkeit auf die Fahnen schreibt – und im Hintergrund diejenigen Mitarbeiter sanktioniert, die sich nicht lenken lassen, scheinen Sie weniger in Betracht zu ziehen.
Kollege Michael Lünstroth ist ein hoch angesehener Journalist und findet in der Bürgerschaft viel Rückendeckung. Ihre Vorgehensweise dagegen erntet kaum Verständnis, was unter anderem auch damit zusammenhängt, dass eine Mehrheit offenbar der Meinung ist, dieser Redakteur habe letztendlich nur seine Arbeit gemacht – und das ziemlich gut. Denn Michael Lünstroth beherrscht nun seit neun Jahren das Handwerk des Journalismus in Ihrem Unternehmen und hat sich zu einem beliebten Lokalreporter in Ihrem Hause gemacht. Jetzt wäre es an der Zeit gewesen, Ihren Redakteur zu verteidigen. Und nicht nur ihn, sondern die Pressefreiheit!

Freundliche Grüße

[Dennis Riehle]

Veröffentlicht unter Medien.

Leserbrief
zum Artikel „Islamverband Ditib kritisiert türkeistämmige Abgeordnete“, Süddeutsche Zeitung

DITIB hat offenbar unser Grundgesetz noch nicht verstanden. Wenn nun davon gesprochen wird, das Vertrauen zu den türkischstämmigen Abgeordneten sei verloren gegangen, weil diese in der Armenien-Resolution nicht die türkischen Interessen vertreten haben, so müssen wir als Demokraten entgegenhalten: Das war auch nicht die Aufgabe der Parlamentarier!

Denn sie sind nicht dafür gewählt, partikulare Ansinnen von Minderheiten zu repräsentieren, sondern das gesamte Volk, wie Artikel 38 Absatz 1 der Verfassung es schreibt. Dort steht auch, dass sie keinen Aufträgen oder Weisungen unterliegen – und damit auch nicht die Wünsche drittstaatlicher Strömungen zu erfüllen haben. Allein das Gewissen zählt – und nicht die türkische Nationalräson.

Es befremdet zutiefst, wenn sich ein Verband, der fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft sein möchte, nicht vor attackierte Bundestagsmandatare stellt, sondern die Angriffe auf sie noch indirekt rechtfertigt. Man muss sich mittlerweile durchaus fragen, welches Geistes Kind DITIB ist.

[Dennis Riehle]

Lesermeinung zu
„De Maizière wettert gegen Flüchtlingsärzte“, DIE WELT

Es ist unerträglich, wenn sich der Bundesinnenminister nun auch noch anmaßt, Mediziner sein zu wollen. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“, mag man ihm zurufen, wenn er Ärzte dafür kritisiert, dass sie Flüchtlingen zu viele Atteste ausstellten.

Nein, nicht de Maizière kann beurteilen, wie krank Asylsuchende wirklich sind. Immer denke ich kaum, dass sich ein Politiker in jemanden hinein versetzen kann, der täglich vor seiner Abschiebung und den Folgen zittert.

Ärzte stehen unter einem Eid, den sie genauso verantwortungsvoll leisten, wie es auch der Innenminister für sich beansprucht. Zu demokratischen Grundprinzipien gehört es, sich nicht in fremde Angelegenheiten einzumischen, wenn das Handeln des Anderen unpassend scheint.

Ein Misstrauen gegenüber einer gesamten Berufsgruppe, solch einen Affront kann sich nur jemand leisten, der von eigenen Schwächen ablenken will. Und die Mediziner dieses Landes müssen sich den Schuh einer zu gnädigen Krankschreibungs-Praxis keinesfalls anziehen. Sie arbeiten sorgfältig, das zeigen die Erfahrungen über viele Krisen hinweg.

Im Übrigen sind die hohen Krankenzahlen unter Flüchtlingen nicht ungewöhnlich – denn nicht nur das fehlende Bein ist ein Grund für ein Attest. Bei Asylsuchenden gehen die Leiden oft viel tiefer. Und da kann man dem Minister nur zurufen: Herr de Maizière, seien Sie also froh, dass Sie nicht traumatisiert sind!

[Dennis Riehle]

Lesermeinung
zur Berichterstattung über das Urteil gegen den ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Ausschwitz, Hanning / SÜDKURIER vom 18. Juni 2016

Einerseits ist das Urteil gegen Wachmann Hanning konsequent: Mord verjährt in Deutschland nicht – und vor Gericht ist jeder gleich, auch unabhängig des Alters. Andererseits fragt man sich, ob solch eine Entscheidung mehr als eine symbolische Aussage sein kann. Das Gefängnis wird Hanning wegen seines Gesundheitszustandes wohl nicht von innen sehen.

Handelt es sich bei ihm also letztlich nicht viel eher um einen Sündenbock, der nun stellvertretend für unzählige Helfer des Systems an den Pranger gestellt wird, als ein Exempel, das schlussendlich aber eben doch nur dieses kleine Rad im Getriebe war?

Ja, ohne solche Menschen wie die Wachmänner hätte die Maschinerie des Tötens nicht funktioniert. Doch der Vorwurf des Mordes kann für mich nur dann gerechtfertigt sein, wenn die Tat aus freiem Willen des Beklagten ausgeführt wurde. Aber wurde sie das wirklich? Welche Möglichkeit hatten Hanning und seine Kollegen?

Sicherlich könnte man an Zivilcourage oder gemeinschaftlichen Aufstand gegen die Verbrechen denken, zu denen sie sich hätten durchringen müssen, gerade, weil sie von dem Massenmord gewusst haben. Letztlich halte ich es aber für schwierig, aus heutiger Sicht zu unterstellen, es hätte für einzelne Mitläufer eine echte Alternative oder einen Ausweg in der Diktatur gegeben, die zumutbar gewesen wäre.

Deshalb: Warum fand man heute keine konstruktivere Strafe für Hanning, beispielsweise die Pflicht zum Aufklären und zur Schaffung von Transparenz über das Grauen? Das wäre eine sinnvolle Aufgabe für die Jahre gewesen, die Hanning noch bleiben – und hätte konstruktiveren Charakter als eine Pseudo-Haft.

[Dennis Riehle]

Bodanbürger_Logo

Pressemitteilung
Online-Getränkehandel für nachhaltige Versorgung im ländlichen Raum

Wie kann sich der ländliche Raum künftig in der Nahversorgung absichern, wenn kleine Geschäfte immer häufiger schließen müssen, sich die Bevölkerung durch den demografischen Wandel zunehmend verändert und individuelle Lösungen gesucht werden? Auch auf dem Bodanrück sind Ortschaften und Gemeinden bemüht, die bestehenden Strukturen aufrechtzuerhalten oder neue Modelle zu finden, um die wichtigsten Dienstleistungen auch weiterhin vorhalten zu können.

In Litzelstetten stellten sich diese Fragen ganz konkret nach der Schließung des „Getränkemarktes Müller“ an der Ecke „Martin-Schleyer-Straße“ zur Straße „Am Rinzler“. Durch eine neuartige Kooperation für den gesamten Bodanrück fanden sich der „Bodanbürger e.V.“, der sich für eine nachhaltige Regionalverbundenheit einsetzt und daher auch die lokalen Versorger stärken will, und die Weinkauff Getränkehandels GmbH zusammen, um einen Online-Getränkemarkt anzubieten, bei dem der Bodanbürger e.V. eine unkomplizierte Bestellung ermöglicht und der Heimlieferservice des Weinkauff-Getränkefachmarktes Allensbach eine komfortable Auslieferung bis ins Haus garantiert.

Wolfgang Flick, 1. Vorsitzender des Vereins, betont dabei vor allem die Vorteile dieses Konzepts: „Alle Servicekosten sind bereits im Preis eingerechnet. Die Leergutrücknahme wird ebenfalls übernommen und verrechnet. Bestellt werden kann auf unterschiedlichen Wegen, nicht nur im Online-Shop, sondern auch per E-Mail, Bestellkarte, Telefon und Fax. Und noch nicht im Sortiment enthaltene Artikel können angefragt und ebenfalls geliefert werden!“. Mit diesem Beitrag wolle „Bodanbürger e.V.“ etwas für das Gemeinwohl tun und dazu beitragen, dass die Infrastruktur auf dem Bodanrück attraktiv für die Menschen bleibe.

Beliefert werden nicht nur die Konstanzer Ortsteile Litzelstetten-Mainau, Dingelsdorf-Oberdorf und Dettingen-Wallhausen, sondern auch Allensbach mit seinen Ortschaften, die Reichenau auf Insel und Festland sowie Radolfzell mit seinen Gemeindeteilen.

Angeboten werden in dem Online-Shop hauptsächlich Getränke regionaler Herkunft (z.B. Produkte der Ruppaner Brauerei, Randegger Mineralbrunnen, Säfte der Hegauer Süßmostkelterei Auer, Weine vom Bodensee usw.). Aber auch alle anderen Produkte, die im Weinkauff Getränkefachmarkt angeboten werden, können auf Nachfrage geliefert werden. Natürlich haben auch die Kunden des Online-Shops die Möglichkeit, Festinventar (Bierzeltgarnituren, Gläser etc.) für private Festivitäten zu leihen oder Getränke auf Kommission zu beziehen.

Die Bezahlung erfolgt bei Lieferung per Barzahlung beim Fahrer.

Der Online-Shop ist erreichbar über das Bürgerportal www.bodanbürger.de oder direkt über http://shop.bodanbuerger.de. E-Mails mit Bestellungen können gerichtet werden an shop@bodanbuerger.de. Bestellungen per Telefon über 07531/697172, über Fax: 07531/697173 oder über die Bestellkarte postalisch an Bodanbürger e.V., Augustaweg 6, 78465 Konstanz.

[Dennis Riehle]

Kommentar

Regenbogenfahnen, Lichterketten, Trauerzüge – das Entsetzen und die Wut über das Unfassbare in Florida sind riesig. Nicht nur, weil so viele Menschen wie selten bei einem Schussattentat um Leben kamen, scheint die Empörung besonders groß. Auch deshalb, weil eine Zielgruppe ausgewählt wurde, die verwundbarer scheint als andere. Schwule und Lesben wurden getroffen, eine Minderheit, die eine große Lobby hinter sich weiß – und gleichzeitig aber ständig darum kämpft, ihre Mitte zu finden.

Zunächst einmal scheint es egal, wer dort getötet wurde. Es waren Menschen. Ihre sexuelle Orientierung ist nebensächlich, denn durch sie werden wir nicht besser oder schlechter. Es ist allein unser Unverständnis darüber, dass Dutzende gerade wegen ihres Lebensstils zum Opfer wurden, das uns schweigen lässt – und dann erzürnt. Denn wir gehen davon aus, dass in einer westlichen Welt solch eine Tat nicht möglich sein kann, in einer aufgeklärten Umgebung, in einer Atmosphäre der grenzenlosen Toleranz.

Doch wie naiv sind wir eigentlich? Anfangs rangen die Reporter mit sich selbst, um irgendein Konstrukt zu schaffen, das erklärt, warum entweder ein islamistischer Hintergrund oder aber ein homophobes Bestreben hinter dem Massaker steckt. Aber warum eigentlich ein „Oder“? Religiös motiviert und gleichzeitig schwulenfeindlich? Ist das denn so abwegig? Nein, im Gegenteil! Nicht nur der Islam kennt die Verachtung für Männer, die Männer lieben – und Frauen, die Frauen begehren.

Aber so weit müssen wir gar nicht gehen. Wer sonntags wieder einmal einen Blick in die nächste Kirche wirft, der kann an der richtigen Stelle genau zuhören, wie ein nicht geringer Teil des Christentums über Homosexuelle denkt. Da werden Bibelstellen umgedeutet und Gottes Wille aus den Fingern gesogen, so, wie es eben passt, um diejenigen zu verurteilen, die nicht in ein religiöses Weltbild passen, das von klaren Ordnungen geprägt ist. Als schwuler Gläubiger war ich noch vor ein paar Jahren nahezu täglich Mitchristen und Geistlichen ausgesetzt, von denen nicht einmal Desinteresse oder gar bemitleidendes Herabbeugen nach dem Motto von Gnade und Barmherzigkeit zu erwarten waren, sondern Abneigung und Verachtung. Homosexuelle Menschen hätten keinen Segen verdient, waren da noch die harmlosesten Feststellungen. Ein Klima, in dem Homophobie reifen kann. Und das tat sie auch.

Wir tun so, als lebten wir im Land der Glückseligen, in dem wir uns alle lieb haben. Nein, gerade Religionen sind aufgrund ihres Festhaltens an Althergebrachtem eine Brutstätte für eine Feindseligkeit gegenüber allem, was nicht schöpfungsgemäß scheint – dabei interessiert die Schöpfung relativ wenig, was Dogma und Tradition ihr anzuhaften versuchen. Die Angst vor dem Fremden, bereits die Schriften diverser Kulturen beschreiben dieses Phänomen, das wir heute nicht nur gegenüber Schwulen und Lesben wahrnehmen. Hinterfragen wir uns selbst und öffnen wir die Augen, müssen wir eingestehen, dass unsere Fassungslosigkeit über das Geschehen in Orlando heuchlerisch ist. Denn im ganz Kleinen passieren solche Wahnsinnstaten täglich, auch nebenan. Zwar sterben dabei keine Menschen, aber es vergeht jedes Mal ein Stück Hoffnung darauf, dass wir einander respektieren.

Ich kann mich erinnern, dass ich mit schüttelndem Kopf vor dem Fernseher saß, als ich das erste schwule Pärchen beim Küssen sah. Ich konnte es nicht verstehen. Heute küsse ich selbst Männer – und muss mich anstrengen, um das Unverständnis derjenigen nachvollziehen zu können, die dabei noch immer ihr Unbehagen zum Ausdruck bringen. Wenn wir auf die Suche nach den Ursachen der Ereignisse in den USA gehen, dann müssen wir uns als „queere Community“ vielleicht selbst fragen, ob wir diejenigen nicht überfordern, die damit Probleme haben, unser Leben zu verstehen. Nein, keinerlei Misstrauen rechtfertigt irgendeine Form der Gewalt. Sollte sich herausstellen, dass der Attentäter selbst schwul war, so ist es möglicherweise nicht nur ein religiöses Motiv, sondern tatsächlich eine Homophobie, die unter unseresgleichen nicht selten ist. Seit Jahren verdrängen die schwul-lesbischen Organisationen die Tatsache, dass nicht alle ihre Mitglieder Frieden mit sich und der homosexuellen Gemeinschaft gefunden haben. Das Bild, wonach jeder Homosexuelle mit sich und seiner Orientierung glücklich ist, ist ein ebenso verlogenes und unehrliches Märchen wie das einer allseits toleranten Gesellschaft.

Schwulsein, Lesbischsein – das bedeutet ganz oft, auch mit der eigenen Persönlichkeit zu ringen. Daran sind nicht immer die Anderen schuld, die mobben und lachen. Viel eher sind wir es selbst, die dann doppelt gefordert werden: Wir müssen nicht nur unser Selbstbewusstsein finden, sondern daraus auch die Kraft zur Standfestigkeit, zu einem erfüllten Ich und einer überzeugten, aber maßvollen Selbstliebe finden. Diese Aufgabe ist nicht leicht – und sie ist bei weitem schwieriger als bei denen, die es leicht haben, sich als Teil der Gesamtheit zu fühlen. Deshalb bringt Homosexualität immer wieder Einsamkeit mit sich, der Schwulenclub wird dabei meist nur der Befriedigung des Oberflächlichen gerecht. Denn die Szene taugt letztlich nur zum Abbild für diese Show des Plakativen. Sie zeichnet eine Welt, die unwirklich erscheint. Und die jene Homosexuelle zurücklässt, die so nicht sein wollen.

Überdenken wir als Gesellschaft unseren Eindruck omnipräsenter Homophilie – und hinterfragen wir uns als schwul-lesbische Community, wenn wir nach innen und auch nach außen eine Ausstrahlung zelebrieren, die durch ihre Künstlichkeit so unnahbar wirkt. Gestehen wir uns ein, dass Homosexualität nicht immer einfach ist – ohne dabei Andere dafür zu beschuldigen. Und lassen wir es zu, dass wir mit unseren Gefühlen, mit unseren Sorgen und Nöten kämpfen, Meinungen und Fragen äußern dürfen, wenn wir nicht wissen, wo wir stehen und manch „queeres“ Verhalten nicht begreifen. Öffnen wir uns gerade auch für die, die den Kopf schütteln – ob innerhalb oder außerhalb der Szene. Denn nur Verständnis eröffnet den Weg zum Dialog, der dringend nötig ist. Der Einsatz für Aufklärung, für eine liberale Exegese und eine Fokussierung auf Botschaften, die sich nicht deuten lassen, muss an Dynamik gewinnen – gerade dort, wo Liebe gepredigt und Ausgrenzung gelebt wird, ob christlich, islamisch oder einfach nur religiös…

[Dennis Riehle]

Kommentar

Vom 24. bis 26. Juni 2016 findet in den grenznahen Städten Konstanz und Kreuzlingen die 17. Auflage des Internationalen Bodensee-Kirchentages statt, der ökumenisch ausgerichtet ist und Deutschland, die Schweiz und Österreich miteinander verbinden soll. Das Ereignis steht dieses Mal im Zeichen des Konziljubiläums, das an die kirchliche Großveranstaltung vor 600 Jahren in Konstanz erinnert – und wird entsprechend historische Aspekte des Mittelalters, aber auch kirchliche Fragen bis heute diskutieren.

Undurchsichtig bleibt bei einem kulturell angereicherten, mit Prominenten versehenen und durch Veranstaltungen überladenen Event dieser Art nicht selten die Finanzierung. Trotz umfangreicher Recherche gelingt es auch bei diesem regionalen Kirchentag, gleichsam wie bei seinen großen Vorbildern, nicht, sich ein umfassendes Bild über die Sponsoren zu machen, die gemeingütig ein paar Almosen beisteuern, damit die Kirchen nicht alleine auf ihrer eigenen Feier sitzenbleiben. Das zuständige Kultusministerium Baden-Württemberg war die einzige Behörde, die rasch auf die Anfrage der „Humanistischen Alternative Bodensee“ (HABO) reagierte und feststellte, dass das Land keine finanzielle Förderung für diesen Kirchentag bereitstelle.

Die Stadt Konstanz hingegen konnte sich bis heute nicht zu einer Antwort durchringen, allein aus dem Haushaltsplan der Kommune geht hervor, dass indirekt über den Eigenbetrieb „Konzilstadt Konstanz“ Haushaltsmittel – und damit Steuergelder – für dessen Präsenz auf dem Kirchentag Gelder bereitgestellt wurden. Blickt man allerdings darauf, was die beteiligten Kirchenbezirke um den Bodensee an Beträgen einbringen, so fällt es schwer, bei diesen einzelnen, oft nur vierstelligen, Summen wirklich zu glauben, dass eine derartige Großveranstaltung aus alleiniger Kraft der Kirchen gestemmt wird.

Zumal nicht unbekannt ist, dass Konstanz durch seine katholische Tradition noch immer eng mit dem Klerus verbandelt ist, bleibt – wie bei allen Kirchentagen – der übliche Beigeschmack, dass auch am Bodensee der christliche Glaube mit Geld der Bevölkerung zelebriert wird. Und das nicht nur in den Gotteshäusern, sondern auch, wenn sich Gebet und Innehalten mit Party und Pavillons vermischen. Natürlich mag man auch hier argumentieren, dass der Kirchentag ein Angebot für Alle sei. Doch jeder Veranstalter hat in erster Linie zu versuchen, seine Kosten selbst zu decken. Und gerade, wenn es dabei um Institutionen geht, die keinesfalls am Hungertuch nagen, endet das Verständnis der Allgemeinheit dort, wo ein Termin mit eindeutig missionarischer – und damit staatsferner – Ausrichtung subventioniert werden soll.

Denn auch, wenn die Kirchen es gern so verkünden würden, stellt sich solch ein Glaubensfest nicht mehr als eine Massenveranstaltung dar, ist doch die Menge gar nicht mehr so religiös, wie es sich Bischöfe und Priester wünschen. Insofern macht das Versteckspiel um finanzielle Unterstützung es nicht einfacher, Veranstaltern und Stadt abzunehmen, dass es sich tatsächlich um ein „offenes“ Zusammensein handelt, das sich da in ein paar Wochen versammeln wird. Schließlich hat eine Vielzahl von Menschen nicht darum gebeten, dass mitten im Sommer das „Halleluja“ durch die Gassen tönt – und Konfessionslose vor Ort scheinen nicht einmal zum Dialog angefragt worden zu sein.

Brisanz erhält der Umstand der Undurchsichtigkeit dadurch, dass man sich in der Stadtverwaltung doch spätestens Transparenz auf die Fahnen geschrieben hatte, als ein neuer Oberbürgermeister die Bürgerbeteiligung zum großen Ziel erklärte. Von den Kirchen hingegen erwarte ich nichts Anderes als Mauern mehr, hielten sie es doch noch nie so wirklich mit Ehrlichkeit und Durchsichtigkeit. Und selbst, wenn ich weiterhin verwundert bin, wie lautlos die Bürgerschaft ihr Geld für Zwecke verschleudern lässt, die überhaupt nichts mit öffentlichen Aufgaben zu tun haben, hoffe ich auf Vernunft, nur nicht vom 24 bis 26. Juni…

[Dennis Riehle]

Zwischenruf
Ich fühle mich, als würde ich ausgezehrt…

Seit über zwei Jahren gedenkt die Stadt Konstanz nun des Konziljubiläums von 1414 bis 1418. Mit pompösen Veranstaltungen macht man am Bodensee deutlich, ein Mittelpunkt für Europa sein zu wollen, an dem sich hochrangige Politiker, kirchliche Würdenträger und Persönlichkeiten aus der Gesellschaft treffen, um an das große Ereignis vor 600 Jahren, die dort getöteten Ketzer und gleichsam die heutige Botschaft des Friedens zu erinnern. Ausstellungen, Vorträge und Diskussionen sollen nicht nur den historischen und kulturellen Hintergrund darstellen, sondern auch zeigen, welche Verflechtungen damals wie heute existieren – und das stößt auf nicht ungeteiltes Echo.

Schon seit Beginn der Vorbereitungen ist der Eindruck klar: Die Macher, der städtisch eingesetzte Eigenbetrieb, tut sich schwer damit, kritische Inhalte aufzunehmen. Als „Humanistische Alternative Bodensee“ (HABO) versuchten wir, zunächst ein Gegenprogramm zu dem kirchlich dominierten Veranstaltungsfahrplan zu etablieren. Es schien bezeichnend, dass alle Religionen in die offiziellen Veranstaltungen eingebunden waren, säkulare Vertreter aber nicht einmal bedacht wurden. Erst nach einer Pressekampagne der HABO änderte sich das und wir waren plötzlich willkommen, auch unsere Ideen in die weiteren Planungen einfließen zu lassen. Heute mag man sich fragen, ob der Schritt allein symbolischen Charakter hatte, um die Öffentlichkeit zu beruhigen.

Denn verliefen die Gespräche anfangs gut und aussichtsreich, doch stets mit einer gewissen Vertröstung. Ohne ein beständiges Erinnern und Nachfragen wäre es kaum vorangegangen mit der Beteiligung der Humanisten, wenngleich Vorschläge und Anregungen zu einer kirchenkritischen Komponente der Jubiläumsfeiern wohlwollend angenommen wurden. Doch ob sie auch beim Klerus so gut ankamen, mag man bezweifeln, vor allem dann, wenn man feststellen muss, wie mittlerweile alle Bemühungen wieder ins Stocken geraten sind. Zwar konnten einzelne Referenten platziert werden, andere zugesicherte Fachleute, die von der HABO benannt wurden und zur Teilnahme eingeladen werden sollten, sind bis heute ohne Kontakt von Seiten der „Konzilstadt“.

Säkulares Akzente zu setzen, es bleibt in der heutigen Zeit schwierig. Mittlerweile fühle ich mich wie ausgezehrt, als ständiger Bittsteller, der keine Rechte zu haben scheint – Religionsfreiheit dürfte eben doch nur für Religionen gelten. Auch ein Ignorieren kann ein Diskriminieren sein, so zumindest fühlt es sich gerade an. Mag sein, dass es allein an der Kommunikation oder der Organisation im Büro der Verantwortlichen hapert, die zweifelsohne in der Zwickmühle sitzen dürften und auf die der Einfluss der Kirchen einprasselt. Im noch immer wertkonservativen Konstanz hat deren Wort Gewicht, zum Widerspruch traut sich kaum jemand. Ich kann es mir nicht anders erklären, die Notwendigkeit zum zähen Ringen unsererseits, als durch die christlichen Einsprüche bei einem Ereignis, das nicht zuletzt der Staat – und damit der Steuerzahler – wesentlich mitfinanziert und vor allem ausrichtet.

Im Augenblick will ich nicht mehr kämpfen, aber solche Erfahrungen prägen – und sie bestärken, dass die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit, wenn den Kirchen eine ebengleiche Zahl an Menschen mit anderem Bekenntnis fern gegenübersteht, doch die Unterwürfigkeit unter Bischöfe und Dekane stets neue Dimensionen erreicht. Und nicht zuletzt ist es auch weiterhin das gesellschaftliche Klima, wohl nicht nur hier in Konstanz, in dem offenbar Konfessionslosigkeit bei niemandem auf dem Schirm steht. Wie anders kann ich ein Desaster nach dem nächsten deuten, wie aktuell das der Gespräche von Flüchtlingsinitiativen, die vor Ort mit den Weltreligionen diskutieren möchten, aber wie selbstverständlich dabei säkulare Anschauungen neuerlich „vergessen“ haben?

Man ist hin- und hergerissen: Als ob ich ein Aufklärer darüber wäre, dass es nichtreligiöse Sichtweisen überhaupt gibt, ermüdet diese Arbeit bei wiederkehrendem Misserfolg. Und doch scheint sie nötiger denn je, wenn ich mich darauf besinne, meine Grundrechte nicht einfach unter die Räder kommen zu lassen. Das Einstehen für Meinung, Glaube und Bekenntnis ist gerade in diesen Tagen so wichtig, ob im Kleinen oder Großen. Allerdings wünsche ich mir daneben, dass sich noch mehr derer aufraffen, denen ihre Überzeugungen auch nicht egal sind. Nicht selten gelten die säkularen Vertreter auch deshalb so bedeutungslos, weil ihnen Rückhalt und Strukturen fehlen. Einzelkämpfer können allein die Welt wohl nur im Comic retten. Daher braucht es ein aktives Mitwirken humanistischer Vorreiter, um künftig solche R(h)einfälle zu verhindern, wie derzeit in Konstanz…

[Dennis Riehle]